Marrugeku: Jurrungu Ngan-ga / Straight Talk

Bewertung und Kritik zu

JURRUNGU NGAN-GA / STRAIGHT TALK 
Marrugeku
 
Regie: Rachael Swain 
Premiere 30. April 2021 (Broome Civic Centre, Australien)
Deutschland-Premiere: 5. August 2022 (Tanz im August
Haus der Berliner Festspiele 

Reservix Ticketing SystemTICKETS ONLINE KAUFEN 

Zum Inhalt: Die Kompanie Marrugeku holt ans Licht, was die australische Nation wegsperren will. Ausgangspunkt für “Jurrungu Ngan-ga / Straight Talk” sind die Berichte des Yawuru-Ältesten und Aktivisten Patrick Dodson sowie die Werke des mehrere Jahre im Geflüchtetenlager auf der Insel Manus internierten, kurdisch-iranischen Schriftstellers Behrouz Boochani. Für das Stück greifen die Performer:innen der interkulturellen Gruppe auch auf ihre eigenen Lebensgeschichten als indigene, vertriebene, exilierte, transgender oder siedlerkolonialistische Individuen zurück. “Jurrungu Ngan-ga” – was aus Yawuru übersetzt so viel wie “Klare Ansage“ bedeutet – setzt auf solidarische Intelligenz und geteilte Erfahrungen des Widerstands und Überlebens, um die Frage zu stellen: “Wer ist es wirklich, der hier im Gefängnis ist?”

Von & mit Czack ‘Ses’ Bero, Emmanuel James Brown, Chandler Connell, Luke Currie-Richardson, Issa el Assaad, Zachary Lopez / Macon Esteban Riley, Bhenji Ra, Feras Shaheen, Miranda Wheen

Konzept: Dalisa Pigram, Rachael Swain, Patrick Dodson
Choreografie: Dalisa Pigram
Regie: Rachael Swain
Dramaturgie: Hildegard de Vuyst
Cultural Dramaturgy: Behrouz Boochani, Patrick Dodson, Omid Tofighian
Musik: Sam Serruys, Paul Charlier, Rhyan Clapham aka DOBBY
Sounddesign: Sam Serruys, Paul Charlier
Bühne: Abdul-Rahman Abdullah
Kostümdesign: Andrew Treloar
Lichtdesign: Damien Cooper
Zusätzliche Choreografie: Stacy Peke aka Red Ladybrui5er (Krump Army)
Produktionsmanagement & Lichtsteuerung: Aiden Brennan
Tontechnik: Raine Paul
Companymanagement: Denise Wilson
Produktions- & Tourmanagement: Natalie Smith


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Mitreißender Mix aus politischer Anklage und Empowerment
  · 06.08.22
Die australische Gruppe Marrugeku prangert die Zustände im Manus Regional Processing Centre an, wo von 2001 bis zu einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von Papua Neuguinea asylsuchende Boat People (mit einer Unterbrechung zwischen 2008 und 2012) oft jahrelang interniert wurden. Das Gefängnis auf der Pazifik-Insel Manus stand nie so im Fokus der Weltöffentlichkeit wie die Zustände in Guantánamo oder Abu Ghraib, die Empörung von NGOs wie Amnesty International und Ärzte ohne Grenzen oder die Kritik des UNHCR wurden in den Medien außerhalb Australiens und der Pazifik-Region immerhin punktuell aufgegriffen.

In „Jurrungu Ngan-ga“, was auf Yawuru „Klare Ansage“ bedeutet, reden sie tatsächlich in jedem Moment Klartext. Wut und Trauer über die Übergriffe gegen Asylbewerber auf der Gefängnisinsel werden in die Traditionslinie der Entrechtung indigener Völker gestellt.

Doch der Abend bleibt nicht bei der Anklage stecken. Trans-Performer*in Bhenji Rha entert die Bühne und startet ein mitreißendes Empowerment-Spektakel, das die zweite Hälfte des Abends prägt. Statt der Überwachungskameras werden glamouröse Kronleuchter von der Decke heruntergefahren, die Bühne im Haus der Berliner Festspiele wird zur Partyszene, auf der sich das Marrugeku-Ensemble zwischen Pop und Rap austobt. In Spoken Word-Einsprengseln werden weitere Namen von Opfern aufgezählt und Querverbindungen gezogen.

Mit ihrer Mischung aus Tanz, Gefängnis-Installation und politischem Aktivismus bespielen die australischen Gäste zur Eröffnung des Festivals die gesamte große Bühne im Haus der Berliner Festspiele und bekommen minutenlangen, begeisterten Applaus.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Marrugeku
  · 09.08.22
''Die Kombination von Tanz und Sprache - es gab deutsche Simultanübersetzungen per Übertitel - ließ kaum Missdeutungen zu, ja und man wusste/ weiß doch längst, dass dann der sogenannte "weiße Mann" ein durch und durch denkender, fühlender und auch agierender Rassist war, ist und (höchstwahrscheinlich) bleibt. Besiedelungsgeschichtlich hat die weiße "Herrenrasse" durch ihre gewalttätige Kolonialeroberung weltweit verbrannte Erde hinterlassen. Dass sie sich durch koloniale Städtearchitektur (um nur ein Beispiel anzuführen) mit ihren vermeintlich kulturellen Tatzenabdrücken in entferntesten Gebieten, deren Existenz sie vorher nicht für möglich hätte halten wollen, in schier bleibende Erinnerung zu bringen vermochte, ist wohl eine Tatsache und also ziemlich sichtbar. Dass sie vergewaltigend und mordend hauste, um zu unterdrücken, zu besitzen also allumfänglich jedes und jeden zu beherrschen, lernten oder lernen brav die ("Herrenrassen"-)Kinder in den Schulen in- und auswändig; schlechtes Gewissen eingebläut zu kriegen und im Umkehrschluss zu denken, dass das dann mit Einsicht oder potenzieller Wiedergutmachung zusammenhinge, ist und bleibt aber ein Trugschluss. Den Latent-Rassismus bei den Menschen insbesondere mit weißer Hautfarbe endgültig auszutreiben resp. richtig weit, weit hinter sich zu lassen bleibt ein schönster Menschheitstraum. Aber die Hoffnung stirbt, wie wir ja alle wissen, ganz zuletzt...'' schreibt Andre Sokolowski am 9. August 2022 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Kompromissloses politisches Tanztheater
  · 08.08.22
''Dieses Stück ist kompromissloses politisches Tanztheater, erbarmungslos in der Darstellung von Leid und Wut, in der Wahl der künstlerischen Mittel rigoros demonstrativ, der Härte der Themen angepasst. Der Tanz ist überwiegend körpersprachlich, die Körper werden präsentiert als von Zwängen gebeutelt, von Leiderfahrung und Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung zerrissen.

Das Eindeutige und Ungefilterte an diesem Stück, das nicht durch die Suche nach künstlerischer Feinheit und Ästhetik. Abgemilderte der gnadenlos harten Botschaften dürfte es gewesen sein, was Virve Sutinen veranlasst hat, Marrugeku einzuladen. Ein eindrucksvoller ungewöhnlicher Auftakt für den "Tanz im August".'' schreibt Frank Schmid auf rbbKultur
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.