Geschwister

Bewertung und Kritik zu

GESCHWISTER 
von Ersan Mondtag
Premiere: 17. Juni 2022 
Maxim Gorki Theater, Berlin 

Zum Inhalt: Geschwister; die. Die Personen, die dich am besten kennen. Sie stellen die längsten Beziehungen im Leben dar – sie leben in einer Art parallel verlaufenden Zeitspanne zu einem selbst. Was Glück oder Untergang bedeuten kann. Angefangen bei biblischen Geschwistern, zu den Geschwistern in antiken Texten, werden Beziehungen gesellschaftlicher Konflikte erörtert – vom Dogma der Familie des 19. Jahrhunderts mit ihrem hermetischen Charakter, hin zu gegenwärtigen Auseinandersetzungen, in denen die gesamte Spannbreite von Geschwisterbeziehungen offengelegt wird. Die metaphorische und ideologische Nutzung des Geschwistermotivs findet immer in einem politischen Kontext statt, in einem Spannungsverhältnis zwischen Staat und Individuum. Müssen herkömmliche Rituale, Bilder und Traditionen weichen, um Versöhnung zu ermöglichen?

Nachdem Ersan Mondtag sich in vielen Arbeiten mit dem Offenlegen der Konstruktion von Gemeinschaft auseinandergesetzt hat, beschäftigt er sich nun mit einer neuen Form von Geschwisterlichkeit, die auch aus den schlimmsten Bruchstellen noch hervorgehen kann. 

Regie: Ersan Mondtag
Bühne: Simon Lesemann
Kostüme: Josa Marx
Lichtdesign: Marek Mauel
Dramaturgie: Valerie Göhring
Musik: Nid & Sancy (Bart Demey/Tania Gallagher)


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Bleiern schwer, staubtrocken
  · 23.06.22
''Die lähmende Spielweise ändert sich über eine Stunde kaum. Nur die verspätet eintreffende Tochter Elisabeth, mit Lederkluft und Langhaar ein Gudrun-Ensslin- Look-alike (Kostüme: Josa Marx), unterbricht die alten Geschichten der Eltern und dreht das Radio laut, in dem nun ihre Rede gegen die Naziverquickungen in Politik, Justiz und Polizei zu hören ist. Es ist auch der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg vom West-Berliner Polizisten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Ein inoffizieller Stasi-Mitarbeiter, wie sich später herausstellte. Im Radio wettert ein West-Kommentator gegen die vom Osten bezahlten Chaoten und ein Ostkommentar, man meint hier den DDR-Chefpropagandisten Karl-Eduard von Schnitzler zu hören, gibt der hetzenden Springerpresse die Schuld. Der Patriarch unterbindet das Aufbegehren, in dem er die Tochter in ihrem Zimmer schlägt. In großen Vidoscreens neben und über der Bühne sind Bilder aus den Kinderzimmern zu sehen. Elisabeth verlässt in der Nacht das Haus und dreht zuvor den Gashahn auf. Ein düsteres Setting und ein düsterer Befund.'' schreibt Stefan Bock am 23. Juni 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Banaler Kurzschluss von NS-Zeit zu NSU
  · 20.06.22
''Ersan Mondtags Inszenierungen haben noch nie durch besondere geistige Höhenflüge bestochen – er ist ein Theatermann der starken Bilder. Und auch an diesem Abend ist die bleigraue Horror-Ästhetik formstreng schön. Doch einen derartig banalen Kurzschluss von NS-Zeit zu NSU hat man wohl noch nie gesehen. Und die Geschichte von der braven und der revoltierenden Schwester, wie sie sich in den 1960er Jahren bei der Familie Ensslin zugetragen hat, erzählt Margarethe von Trotha in ihrem Filmklassiker ''Die bleierne Zeit'' deutlich aufschlussreicher. Der Titel ließe sich allerdings bestens auf den gefühlten Beinahe-Stillstand dieses Theaterabends übertragen.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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In dieser Villa, die Patina, Eleganz, aber auch viel Leblosigkeit ausstrahlt, pinselt Mondtag das Tableau einer von Alt-Nazis dominierten Bundesrepublik aus. Sehr konkret verortet er das Geschehen: wir befinden uns in einer Villa am Wannsee, die „arisiert“ wurde: Falilou Seck, eine glänzende Besetzung für den strengen Patriarchen mit dem rassistischen Gedankengut, das aus der Nazi-Zeit stammt, und Çiğdem Teke haben sich dort zwischen Jagdtrophäen, Hirschgeweihen und dem Porzellan der jüdischen, im Holocaust vertriebenen Eigentümer so eingerichtet, wie es ihrem Bild eines „gemütlichen“ Zuhaues entspricht und kommandieren die muslimische Haushälterin (Tina Keserovic) herum.

Noch präziser wird diese 90minütige Geschichtsstunde am Gorki durch die klug ausgewählten Radio-O-Töne aus Ost und West, die die Proteste der West-Berliner Studenten gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 kommentieren und eine Keimzelle der 68er Proteste bildete.

Diese Familienaufstellung der ersten 70 Minuten ist atmosphärisch so dicht und handwerklich so präzise, wie man es von einem Regisseur der A-Liga und einem starken Ensemble erwarten darf. Unerbittlich tickt die Standuhr, im Takt kratzen die Löffel, Gabeln und Messer über die Teller.

Der Nachteil dieses Tableaus: sehr statisch bleiben die ersten beiden Drittel, geradezu zwangsläufig, denn die Kritik an den eingefrorenen Zuständen ist ja das Kernanliegen des Abends. Was danach kommt, ist auch absehbar: Lea Draeger stürmt als Tochter Elisabeth, die in ihrem Look Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin zitiert, in die Villa und sprengt die Verhältnisse auf.

Mit freundlich-verhaltenem Applaus wurde diese Lektion in Zeitgeschichte aufgenommen, nicht so ausgelassen-euphorisch, wie sonst oft am Gorki üblich.

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