Der Hofmeister

Bewertung und Kritik zu

DER HOFMEISTER 
von Bertolt Brecht
Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner 
Premiere: 11. Dezember 2021 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Nach ihrer Rückkehr aus dem Exil gründen Bertolt Brecht und Helene Weigel 1949 das Berliner Ensemble. Weil das ihnen zugedachte Theater am Schiffbauerdamm einstweilen vergeben ist, kommt die Truppe am Deutschen Theater unter. Hier feiert am 15. April 1950 in den Kammerspielen Der Hofmeister Premiere. Mit seiner Bearbeitung des Dramas von Jakob Michael Reinhold Lenz entdeckt Brecht nicht nur den bis dahin weithin vergessenen Sturm und Drang-Dichter für die Gegenwart wieder. Er formuliert durch die Beschäftigung mit dem genialischen Außenseiter auch einen Einspruch gegen die von ihm als spießbürgerlich empfundene Kulturpolitik der SED.

Mit Jürgen Kuttner, Peter René Lüdicke, Helmut Mooshammer, Kathleen Morgeneyer, Birgit Unterweger und Matthias Trippner (Live-Musik)

Regie: Tom Kühnel, Jürgen Kuttner
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Matthias Trippner
Dramaturgie: Claus Caesar


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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der Hofmeister als live eingesprochener Theaterfilm
  · 14.12.21
''So gerüstet und mit musikalischer Klavierbegleitung von Matthias Trippner verfolgt das Publikum die Szenen vom Prolog bis zum Epilog. Geschnitten hat Kuttner nicht nur die Scharrfuß-Szene, in der Läuffer sich dem Major und dessen Bruder, dem Geheimen Rat von Berg, anbiedert, aber nicht von ihnen beachtet wird. Es fehlen auch die Szenen aus dem Studentenleben des Fritz von Berg, dem Cousin und Geliebten von Gustchen, der zum Studieren nach Halle muss. Letztendlich ist das hier aber auch zu verschmerzen. Kuttner konzentriert sich ganz auf den Hofmeister, der von der Frau Majorin examiniert, vom Major kujoniert schließlich dem reizenden Gustchen verfällt, dass das Schicksal seinen Lauf nimmt. Wirklich spannungsgeladen ist diese launig eingesprochene Stummfilm-Scharteke aber nicht wirklich. Es ist nett anzuhören, wie die SchauspielerInnen ihren Text relativ synchron und lustig betont zu den hakeligen Bildern sprechen. Auch ein paar Geräusche mit Papier werden dabei gemacht. Wer bei der Schnittversion den Überblick verliert, bekommt die Erklärungen direkt mitgeliefert. Man stelle sich vor, die RegisseurInnen müssten in Zukunft ihr Werk für begriffsstutziges Publikum live vom Bühnenrand kommentieren. Episches Theater mal ganz anders.

Irgendwie bleibt das Ganze aber ein recht blutleeres Vorzeigetheater, dass nicht mal wirklich witzig ist. Es lacht auch keiner im Publikum der zweiten Vorstellung. Was im Babylon vielleicht noch ein paar TheaterwissenschaftlerInnen und Fans von Brecht und Kuttner begeistert hat, wirkt hier aber wie tot. Den Versuch einer Wiederbelebung kann man als fehlgeschlagen bezeichnen. Brechts beißender, sarkastischer Spott über gesellschaftliche Verhältnisse ist hier nur schwer heraushörbar. Wer und warum sich hier kastriert, wäre heute sicher auch noch interessant. Der Versuch des Aufsteigens aus einer niederen Klasse, Opportunismus und Anbiederung an den Zeitgeist, was zumindest zur geistigen Kastration führen kann. Kuttner liefert da zu Beginn auch ein paar Schlagworte mit. Aber es scheint, als hätten Regie und Dramaturgie sich der eigenen Faszination ergeben und selbst entmannt.'' schreibt Stefan Bock am 14. Dezember 2021 auf KULTURA-EXTRA
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