Auferstehung

Bewertung und Kritik zu

AUFERSTEHUNG 
nach Lew N. Tolstoi
Regie: Armin Petras 
Premiere: 26. März 2022 
Deutsches Theater Berlin 

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Zum Inhalt: Es ist Jahre her, Jahrzehnte, dass Fürst Nechljudow, damals ein junger Militär, dem noch jüngeren Hausmädchen Katja Maslowa begegnet ist. Er war jugendlich verzaubert gewesen, hatte sie verführt und dann vergessen, wie viele nach ihr. Nun wird er als Geschworener ins Gericht bestellt. Und erkennt in der des Mordes beschuldigten Prostituierten das Mädchen von einst. Das Urteil kann er nicht abwenden – und auch nicht die Erkenntnis, dass er allein Schuld ist an diesem missglückten Leben, das nun in sibirischer Verbannung weiter und vielleicht zu Ende gehen muss. Aber was folgt daraus? Lässt sich ein Schicksal wenden, ein eigenes, ein fremdes? Wie funktioniert Sühne, wie buchstabiert man Vergebung? Und was, wenn die Welt, die Nechljudow nun verändern will, gar nicht verändert werden möchte? Auferstehung ist Tolstois letzter Roman, gleichzeitig der, der am deutlichsten ins Heute weist. Er beginnt im Moskau des 19. Jahrhunderts und endet in der zeit- und ortlosen, grellen Weite des Nichts. Dort sind sie alle versammelt: die Unverstandenen, die Ausgespuckten, die Kämpferinnen und Kämpfer für Gerechtigkeit. Dort finden Revolution und Widerstand, Leidenschaft, Klugheit, Krankheit und Utopie zwischen bellenden Hunden ihr letztes Quartier.

Mit Felix Goeser, Paul Grill, Andreas Leupold, Anja Schneider, Natali Seelig, Katrin Wichmann, Kotbong Yang, Regine Zimmermann; Sven Kaiser (Live-Musik)

Regie: Armin Petras
Bühne: Peta Schickart
Kostüme: Annette Riedel
Musik: Sven Kaiser
Dramaturgie: Bernd Isele


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Großer Bilderreigen
  · 30.03.22
''Das scheint natürlich auf den ersten Blick etwas albern, ist aber auch ein großes spielerisches Theatervergnügen, wie man es von Armin Petras kennt. Ein wenig nimmt er hier auch Tolstois Pathos auf die Schippe. Der Ernst des Romans zeigt sich aber durchaus auch, wenn etwa Regine Zimmermann mit Handschellen vor dem Vorhang Texte der Sozialrevolutionärin Bogoduchowskaja spricht, oder in Szenen im Gefängnis mit einer Art fahrbarem Gittergestell, aus dem heraus Katja ihre Gespräche mit dem sie retten wollenden Nechludow führt. Dessen Wohnung zeigt eine vergoldete Wand mit stilisierten Sonne. Nechludows Verlobte Missi (Kotbong Yang) tritt als mondäner Vamp auf und zum Besuch bei der reichen Tante (Katrin Wichmann) wird von einem Kellner (Andreas Leupold) ein Tisch gedeckt. So versucht Petras die Standesunterschiede herauszuarbeiten.

Nach der Pause öffnet sich die gesamte Bühne und zeigt ganz in weiß eine Phantasielandschaft mit großem Windrad, einem Floß und dem Tender einer Dampflok. Nechludow rennt als ewiger Reisender mit einem Koffer um die Drehbühne, während das Ensemble Szenen aus dem sibirischen Straflager spielt. Es geht um sozialrevolutionäre Utopien, die Lehren des Darwinismus und den freien Glauben ohne die Institution der orthodoxen Kirche. Katja lebt im Kreis der politischen Gefangenen sichtlich auf. Aber auch das Elend, die Gewalt, der Tod im Straflager und auf der Reise Nechludows dahin werden zu wummerndem Technosound in einem intuitiven Bilderreigen gespielt. Eine Art Fegefeuer vor der Hölle Sibiriens. Und dennoch wird Katja nach ihrer Begnadigung nicht mit Nechludow gehen, sondern beim politischen Gefangenen Simonson (Paul Grill) bleiben. Den Menschen zur Gesellschaft hin erziehen, ist eine der sozialrevolutionären Thesen im vorrevolutionären Russland. Die schreckliche Wahrheit der sowjetischen Gulags schwingt aber auch in Petras Inszenierung mit. Ohne Liebe geht es nicht, ist die andere Aussage dieses nicht immer großen aber spielerisch doch überzeugenden Abends.'' schreibt Stefan Bock am 29. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Betäubt stolpert man aus dem Theater
  · 28.03.22
''Ein langer Weg durch Schnee und Kälte, mitten hinein in die Hölle des Gulag, die Apokalypse der Menschlichkeit: Hier gibt es keinen Gott und keine Liebe, nur das nackte Überleben, blutige Folter und tödliche Verdammnis. Hier landen die kleinen Gauner und großen Intellektuellen, die Anarchisten und die Esoteriker, alle, die Nein sagen zur herrschenden Clique, ein anderes Leben wollen, sich die Köpfe heiß diskutieren, bevor sie erfrieren, verhungern oder erschossen werden. Bässe wummern, schrille Töne zertrümmern das Gehör, alles, was nach Demokratie und Freiheit ruft, wird vernichtet: Ob gestern oder heute, ob Zar, Stalin oder Putin: Russland war und ist ein Schlachthaus, eine Diktatur, die nur eines kennt: Unterdrückung und Unterwerfung.

Mögen Katja und der Fürst auch irgendwann diesem Zwangssystem entkommen: sie sind gezeichnet, ihre Seele ein Trümmerfeld. Betäubt stolpert man aus dem Theater. Gleich nebenan: die Botschaft der Ukraine. Blumen der Trauer und Solidarität. Auf einer Video-Wand laufen die täglichen Bilder des Grauens. Russland ist ein Monstrum, wer sich seinem Willen widersetzt und frei sein will, wird vernichtet. Das zeigte uns Tolstoi, das zeigt uns jetzt auch Petras.'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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