Die Wildente

Bewertung und Kritik zu

DIE WILDENTE 
von Henrik Ibsen
Regie: Stephan Kimmig 
Premiere: 13. Juni 2021 
Deutsches Theater Berlin 

Zum Inhalt: Das Monströse ist Normalität geworden und die Normalität monströs, so die bittere Erkenntnis, als Gerdis Werle nach Jahren der Isolation und Abgeschiedenheit in ihre Heimatstadt zurückkehrt. Nicht, dass sie als Buchhalterin eines Außenpostens der väterlichen Firma hoch oben in den nordischen Wäldern die Unabhängigkeit und Klarheit gefunden hätte, nach der sie gesucht hatte. Die Gespenster der Vergangenheit trägt sie noch immer in sich. Doch was ist das gegen die Verbiegungen und Deformationen, die sie vorfindet? Ihr Vater, mächtiger und krisenfester Unternehmer, liebäugelt mit einer späten zweiten Ehe und dem Ruhestand. Doch Ruhe will Gerdis nicht geben, zu groß ist aus ihrer Sicht seine Schuld am Tod der Mutter und am Bankrott seines Geschäftspartners Ekdal, der für ihn ins Gefängnis musste. Um diese Schuld zu vertuschen, hat ihr Vater, wie sich zeigt, keine Kosten gescheut und viele Schulden beglichen. Er hat Ekdals Sohn Hjalmar ein Fotoatelier finanziert, die Hochzeit mit seiner Ex-Geliebten Gina bezahlt und ein Netz von Abhängigkeiten gespannt, in dem sich Gerdis‘ Jugendfreund Hjalmar samt Frau und seiner Tochter Hedvig nur allzu bequem eingerichtet hat. Inbegriff ihrer geretteten und zugleich beschädigten Existenz ist eine zahme Wildente, ein von Werle auf der Jagd angeschossenes, flügellahmes Tier, das von Hedvig gehegt und gepflegt wird. Doch welchen Weg aus der Beschädigung kann es geben, der nicht auf totale Zerstörung hinausläuft?

Mit: Anja Schneider, Paul Grill, Judith Hofmann, Linn Reusse, Peter René Lüdicke

Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Anja Rabes
Musik: Michael Verhovec
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: John von Düffel


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Im sterilen Versuchs-Labor
  · 25.06.21
Ein klinisch-weißes Versuchslabor haben Regisseur Stephan Kimmig und seine Bühnenbildnerin Katja Haß für die Familien Ekdal und Werle aus Henrik Ibsens „Die Wildente“ gebaut. Erbarmungslos wird es von Robert Grauels Licht-Design ausgeleuchtet. Das Korsett für die Spieler*innen ist eng. Ihre Texte sprechen sie meist eher zum Publikum als zu ihrem Gegenüber.

Dementsprechend steril wirken die knapp 90 Minuten, in denen das Regie-Konzept den Klassiker in den Schraubstock nimmt und auch kaum Raum für Schauspiel lässt. Wie sehr das Korsett einzwängt, erlebt man in den wenigen Szenen, in denen Paul Grill als Hjalmar Ekdal oder Anja Schneider als Gerdis (statt Greger) Werle unvermittelt auf einen Mitspieler einbrüllt. Wie ein Fremdkörper, der sich trotz aller Sicherheitsvorkehrungen in das Labor eingeschlichen hat, wirken diese Szenen, so dass der Abend nach diesen Ausbrüchen sofort wieder auf seine Betriebstemperatur heruntergefrostet werden muss.

Für ihr Labor-Konzept liefert Dramaturg John von Düffel im Programmheft eine sehr ausführliche Begründung: Kimmig und sein Team legten den Ibsen während der Lockdown-Proben auf die Psycho-Couch und präparierten heraus, dass sich der norwegische Dramatiker auf die beiden Söhne aufspaltet und sein Vater-Trauma vom gesellschaftlichen Absturz literarisch aufarbeitet. Das ist hochinteressant zu lesen, führt aber bei der realen Theater-Aufführung nicht weiter.

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