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Bewertung und Kritik zu

ICH WEISS NICHT, WAS EIN ORT IST, ICH KENNE NUR SEINEN PREIS (MANZINI-STUDIEN)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch 
Premiere: 14. Dezember 2018 
Schauspielhaus Zürich


Eingeladen zu den Berliner Autorentheatertagen (2019)  

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Zum Inhalt: Am Anfang wird in René Polleschs neuem Stück gar nicht so sehr der Ort vermisst, eher scheint mit der Zeit etwas nicht zu stimmen. „Warum sind wir bereits am Ende des Stückes? Ich bin doch gerade erst aufgetreten.“ Es scheint sich dabei, wird später gesagt, sogar um DAS Phänomen unserer Zeit zu handeln. „Wisst ihr, ich bin ganz schön fertig. Eine Sechsstundenfassung von Shakespeares ‚Sommernachtstraum‘, wer kam eigentlich auf die Idee!!“ – „Wenn man es vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, war es schon sehr merkwürdig. Eigentlich gab es keinen Grund für uns anzunehmen, dass wir bereits am Ende des Stückes waren, denn niemand von uns konnte sich daran erinnern, dass wir den grössten Teil davon schon gespielt hatten.“ – „Irgendetwas war passiert. Denn auch die Zuschauer gaben zunächst zu Protokoll, dass die Schauspieler aufgetreten waren und sofort das Ende gespielt hatten, und der Theaterabend nach etwa zehn Minuten vorbei war.“ War das Stück derartig kurzweilig gewesen? Zu unterhaltsam? „Allerdings konnten sich einige von ihnen eine Weile später doch an die fünf Stunden und 50 Minuten eines ‚Sommernachtstraumes‘ erinnern. Die Auskünfte gingen dabei sehr stark auseinander. Einige hatten eine Gruppe von Kindern durch die Wüste ziehen sehen und andere sprachen von einem Wald, in dem dann statt der Elfen et cetera. ein riesiger Affe aufgetreten war.“
Wenn man bei René Pollesch von einer starken, prägenden Regiehandschrift sprechen darf, ohne ihn davon abzuschneiden, was er tatsächlich tut, dann nur, wenn man versteht, dass seine Praxis als Autor (als jemand, der im Wesentlichen schreibend tätig ist, indem er Texte produziert und Inhalte ins Spiel bringt) auch auf die Autorenschaft der im Theater so vielseitig versammelten KünstlerInnen, allen voran der SchauspielerInnen, BühnenbildnerInnen und KostümbildnerInnen vertraut. Das autonome Zusammenarbeiten mehrerer, die Autonomie nicht hermetisch denken, ermöglicht es, dass sich Theater nicht dem Befehl der Alleinherrschaft der Regie über eine Produktion oder gar eines ganzen Betriebs unterwirft. Von dieser Praxis haben sich bislang sehr viele und auch viele junge KünstlerInnen beeindrucken lassen.

Mit Kathrin Angerer, Marie Rosa Tietjen, Martin Wuttke

Regie: René Pollesch
Bühne: Barbara Steiner
Kostüme: Sabin Fleck

TRAILER


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Affenliebe und Sommernachtsalbtraum
  · 06.03.19
Drei sichtlich derangierte Gestalten kommen auf die Bühne: Haben wir wirklich gerade sechs Stunden lang den „Sommernachtstraum“ gespielt? Wie nach einem typischen Castorf-Abend verschwimmt alles in ihrer Erinnerung: Waren es sechs Stunden oder nicht doch 24 oder gar 48? Das ratlose Trio (die beiden Volksbühnen-im-Exil-Veteran*innen Kathrin Angerer und Martin Wuttke und das Pollesch-erprobte Zürcher Ensemble-Mitglied Marie Rosa Tietjen) haben komplett den Überblick verloren.

Die Verwirrung wird noch größer: Hat das Stück gar nicht richtig begonnen? Wurde überhaupt gespielt? Diese Frage hört sich auf den ersten Blick nach einer neuen Wendung im Hirnverknäuelungs-Assoziations-Theater von René Pollesch an, hat aber einen sehr ernsten Hintergrund: Genau das ist der Vorwurf, der dem russischen Regisseur Kirill Serebrennikow gemacht wurde. Er soll Geld für einen „Sommernachtstraum“ veruntreut haben. Die Inszenierung, von der es nicht nur Plakate, sondern auch Augenzeugenberichte und Rezensionen gibt, soll nie stattgefunden haben: Willkommen bei Franz Kafka und in Wladimir Putins gelenkter Demokratie.

Die drei Spieler*innen schweifen von der Frage nach dem Sein oder Nichtsein ihres Sommernachtsalbtraums schnell ab und werden grundsätzlicher. Mit Schmollmund-Weltschmerz konstatiert Angerer: „Alles Leben ist ja eh ein Prozess des Niedergangs.“ Die anderen beiden stimmen mit ein und philosophieren, inspiriert von F. Scott Fitzgerald, über den „Knacks“. Pollesch-Kenner wissen, dieses Leitmotiv hat er vor kurzem auch in „Black Maria“ durch seinen Theorie-Fleischwolf gedreht. Der „Anschlussfehler“ zieht sich als Running Gag ebenfalls durch beide Arbeiten, die kurz nacheinander nur mit dem Abstand weniger Wochen entstanden sind.

In die Pollesch-üblichen Diskursschleifen und Zitatgewitter aus Texten von Donna Haraway, Gilles Deleuze und vielen anderen mischt sich die überlebensgroße Pranke von King Kong ein. Auf Barbara Steiners Bühne, die von einem Wald aus Glühlampen gerahmt ist, wird sie zum zentralen Element. Das Trio missbraucht die Affenpranke als Psycho-Couch, Turn-Gerät und Schlafplatz. Hemmungslos beginnt Angerer mit dem Affen zu flirten und verschneidet dabei die ikonischen „King Kong“-Bilder mit der Schimpansen-Liebessatire „Max mon amour“ von Nagisa Ōshima. Wie Charlotte Rampling nennt Angerer ihren Angebeteten „Max“ an und hangelt sich dabei um ihn herum.

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AUTORENTHEATERTAGEN
  · 05.06.19
''Referenzen sind hier mal wieder Donna Haraway, Sigmund Freud, weitere theoretische Schriften von Brigitte Kuster und Andreas Reckwitz, der Film Max Mon Amour von Nagisa Ōshima sowie die schon erwähnten F. Scott Fitzgerald und Gilles Deluze mit Der Knacks, Porzellan und Vulkan. Neben glänzendem Wortwitz wird hier aber auch der Slapstick ganz groß geschrieben. In und mit der Affen-Hand lässt sich wunderbar spielen, turnen und wie Kathrin Angerer flirten oder wie Martin Wuttke eine möglichst unbequeme Schlafstellung suchen. Das Pollesch-Team wechselt die Kostüme, lässt sich zur Belustigung des Publikums hinterm Vorhang Bärte ankleben und Perücken aufsetzen. Die Krise der Repräsentation ist ja eines der Steckenpferde des René Pollesch. Was Marie Rosa Tietjen zu einem Abgesang auf den Beruf des Regisseurs verleitet. Die wahren Regieideen entstünden eh beim Träumen. Auch kann sich Pollesch erneut einen Seitenhieb auf das „Scheiß“-Lob des Realismus von Bernd Stegemann nicht verkneifen. Dazu fällt der Rückwandvorhang mit Wasserfall herunter. 

Interferenzen in der „optischen Politik“ und die Nichtsichtbarkeit des unmarkierten weißen Mannes sind auch wieder Thema. Es wird verkündet: „Wir brauchen eine Strategie der Nichttransparenz.“ oder „Im Theater ist alles, was wir machen zweifelhaft.“ Der Verlust des Begehrens geht einher mit der Angst nichts mehr zu erleben. Das Drama braucht den Knacks, den Konflikt. Ort, Zeit, Ereignis, tätige Handlung - drei Dramaqueens und lebende Anschlussfehler auf der Suche nach einer „Sprache für unausgesprochene Dinge“ und einer neuen Möglichkeit von Theater, das hier so kurzweilig wirkt, auch wenn der Shakespeare’sche Sommernachtstraum irgendwann zum 48 Stunden Albtraum wird. Selbst in der Wiederholungschleife scheint da das Chaos noch lange nicht aufgebraucht zu sein.'' schreibt Stefan Bock am 5. Juni 2019 auf KULTURA-EXTRA
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