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Bewertung und Kritik zu

CARMEN 
von Georges Bizet
Regie: Franco Zeffirelli 
Premiere: 23. Januar 2018 
Wiener Staatsoper

Zum Inhalt: Carmen, eine junge und wunderschöne Arbeiterin der Zigarettenfabrik von Sevilla wird von allen Männern umschwärmt. Doch es reizt sie, den für sich zu gewinnen, der sich gar nicht um sie kümmert: Don José, einen Sergeant der Militärwache. Bevor Carmen in die Fabrik zurückkehrt, wirft sie ihm eine Blume zu. Doch Don José ist eigentlich schon vergeben: Micaëla, die den jungen Soldaten besucht, erinnert ihn an die schöne Zeit ihrer Liebe. Von seiner Mutter bringt das Mädchen einen Brief, etwas Geld und einen Kuss. Plötzlich ertönt aus der Fabrik Geschrei. Carmen hat im Streit eine Kameradin mit dem Messer verwundet. José erhält von Leutnant Zuniga den Befehl, die Beschuldigte zu holen und nach dem Verhör ins Gefängnis abzuführen. Aber schnell erliegt er ihren Verführungskünsten und lässt sie entfliehen.

Wenig später treffen sich Carmen und der nunmehr degradierte Don José in der Schmuggler-Schenke bei Lillas Pastia. Als Don José es verabsäumt, beim Ertönen des Zapfenstreiches in die Kaserne zurückzukehren und er zusätzlich den Befehlen des eintretenden Zuniga Widerstand leistet, ist sein Schicksal besiegelt: Er muss sich den Schmugglern anschließen. Doch schon nach kurzer Zeit verliert Carmen das Interesse an Don José. Sie hat ihre Augen auf den Torero Escamillo geworfen. Dieser lädt alle Schmuggler zu seinem nächsten Stierkampf ein. Micaëla, die den Aufenthaltsort Don Josés herausgefunden hat, ruft ihn zurück in die Heimat, an das Sterbebett seiner Mutter. Diesmal gibt Don José nach und folgt Micaëla - allerdings nur, um von seiner Mutter Abschied zu nehmen.

Dirigent: Jean-Christophe Spinosi
Regie: Franco Zeffirelli
Bühne: Franco Zeffirelli
Kostüme: Leo Bei


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Eine Frau wie eine Naturgewalt
  · 22.02.21
George Bizets erfolgreichste Oper, 1875 in der Pariser Opéra Comique uraufgeführt, war bei der Premiere eher ein Flop. Wenig später wurde daraus ein grandioser Erfolg, den der Komponist allerdings nicht mehr erlebte. Heute gehört das Werk zu den meistgespielten Stücken dieses Genres überall in der Welt. 
Regisseur der Wiener Neuinszenierung ist Calixto Bieito. Andrés Orozco-Estrada steht am Pult des Wiener Staatsopernorchesters, das praktisch mit den Wiener Philharmonikern identisch ist. 
Müssiggang im Militärposten nahe Sevilla. Die Soldaten, die sich mit Exerzieren oder Joggen fit halten, warten auf die Mittagspause der Mädchen aus der nahen Zigarettenfabrik. Micaëla (Vera-Lotte Boecker, vielleicht die schönste Stimme dieses Abends) fragt nach Don José (Piotr Beczala), der aber erst mit der Wachablösung kommen wird. 
Dann ist Carmencita (Anita Rachvelishvili) da und singt ihre "Habanera". Eine schwere, gewichtige Mezzostimme, in der Höhe mit deutlichem Vibrato, aber mit kraftvoller Tiefe. Sie beherrscht die Szene. Die Männer in Uniform sind hingerissen. Micaëla gibt Don José (schöner Tenor, bisweilen etwas angestrengt) einen Brief und einen Kuss von der Mutter. Noch findet José nichts an Carmen. 
Dann ein Streit unter den Zigarettenmädchen, Carmen soll angefangen haben. Sie muss nun ins Gefängnis, bekennt aber auf Befragen, sie liebe "keinen Offizier, nur einen Brigadier". José und Carmen verfallen einander.
Im zweiten Akt fährt ein dicker Mercedes vor, permanent hupend. Ein Weihnachtsbaum wird errichtet, eine Campingparty mit animierten Handgreiflichkeiten nimmt ihren Lauf. Der allseits bekannte Torero Escamillo (Erwin Schrott) wird umjubelt. 
Die Schmuggler planen die nächste Gaunerei, aber Carmen will nicht mitkommen: Diesmal geht die Liebe vor. Don José kommt, und Carmen singt die "Seguidilla". Dann hört man den Zapfenstreich von der Kaserne, José will dorthin pünktlich zurück, und Carmen reagiert verächtlich. José unterstreicht seine Liebe mit der "Blumenarie", aber Carmen verlangt von ihm, daß er ihr in die Berge folgt. 
Eifersuchtsstreit zwischen Zuniga (Peter Kellner)  und José, der nun gezwungen ist, der Gaunerbande in die Berge zu folgen. "Am Berauschendsten ist dort die Freiheit". 
Dritter Akt: ein Tänzer entkleidet sich im Halbdunkel und ergeht sich dann in pantomimischen Posen. Der Mercedes fährt wieder herein, andere Autos folgen. Die Schmuggler träumen von Reichtum. Kartenbefragung auf der Motorhaube: Carmen mit Frasquita (Slávka Zámečníková)
und Mercédès (Szilvia Vörös). Die beiden Mädchen träumen von jungen Liebhabern, Carmen sieht immer nur den Tod voraus. Micaëla schleicht herein und versteckt sich. Duett Don José und Escamillo: Letzterer liebt Carmen, wie sich herausstellt. Sie rettet Escamillo vor Don Josés eifersuchtsgesteuerter Messerklinge. Escamillo lädt alle zum Stierkampf nach Sevilla ein. 
Im 4. Akt wird eingangs eine Tribüne errichtet. Eine quirlige Volksmenge (Chor und Kinderchor) inszeniert einen gut gemachten Massenjubel, rhythmisch exakt. Carmen und Don José treffen ein letztes Mal auf einander, aber all sein Flehen kann sie nicht umstimmen. Sie wirft ihm den Ring vor die Füße, den  er ihr einst geschenkt hat.  Darauf zieht er ein Messer und tötet sie. 
Insgesamt eine etwas gestraffte und weitgehend entzauberte Handlung. Das Vordergründige dominiert, das Hintergründige spielt kaum eine Rolle. Zwischentöne gibt es nicht. Carmens wetterwendisches Liebesverhalten ist Dokument eines eher oberflächlichen Empfindens, wobei die persönliche Freiheit allemal höher steht als irgendeine längerfristige Beziehung. Carmens einziger tiefergehender Gedanke ist der an den Tod.
Das Wiener Staatsopernorchester unter Andrés Orozco- Estrada illustriert diese erfolgreiche Tragödie kraftvoll und farbenreich mit prägnanter Präzision. In Ermangelung des Publikums spendet am Ende das Orchester den Solisten, dem Chor und dem Regieteam den verdienten Applaus. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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