Wien ohne Wiener

Bewertung und Kritik zu

WIEN OHNE WIENER
Ein Georg-Kreisler-Liederabend
Regie: Robert Gerloff 
Premiere: 11. Oktober 2017 
Volkstheater Wien

Zum Inhalt: Was für eine makabre Vorstellung! Schon zu seiner Entstehungszeit löste dieses Lied von Georg Kreisler gemischte Gefühle aus bei den Bürger/innen seiner Geburtsstadt, die ihm auf ambivalente Weise ein unerschöpflicher Inspirationsquell war und blieb. Was damals nicht mehr als ein bitter-komisches Gedankenspiel bedeutete, könnte heute als satirische Attacke auf diverse politische Strömungen verstanden werden. Aber Vorsicht: Kreislers Lieder, die alltägliche Beobachtungen ins Monströse vergrößern und dabei ihren kritischen und politischen Kern entblößen, sperren sich einfachen Deutungen. Die schwarzhumorige Fantasie eines der größten Kabarettisten des 20. Jahrhunderts, die sich in treffsicheren Pointen auf dem Papier bzw. auf den Klaviertasten niederschlägt, eröffnet einen eigenen Kosmos. Darin einzutauchen haben sich der in Wien lebende Grazer Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan und die Musiker der 1993 gegründeten Musicbanda Franui unter der Leitung von Andreas Schett aus dem Osttiroler Dorf Innervillgraten verbunden. Gemeinsam mit stimmgewaltigen Volkstheater-Schauspieler/innen und einer neuen Kollektion von Puppen aus Habjans Werkstatt werden sie ihrer Affinität zu den „alten bösen“ und den neueren Kreisler-Liedern Ausdruck verleihen. Georg Kreisler, der als Autor, Komponist und Sänger bis zuletzt immer neue künstlerische Wege ausprobierte und sich nicht auf das Label des komischen „Taubenvergifters“ festlegen lassen wollte, wäre auf diese Melange wohl gespannt gewesen.

mit Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Isabella Knöll, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer, Stefan Suske

Regie und Puppenbau: Nikolaus Habjan
Musikalische Bearbeitung/Komposition: Markus Kraler, Andreas Schett
Musikalische Leitung: Andreas Schett
Bühne und Kostüme: Denise Heschl
Licht: Paul Grilj
Dramaturgie: Heike Müller-Merten
Liedeinstudierung und Korrepetition: Dieter Paier

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Prophetisch-makabre Collage mit Puppen
  · 12.04.20
Vom Shutdown einer Stadt fabulieren die Puppen in der ersten Szene dieses Georg Kreisler-Liederabends, den Nikolaus Habjan und die Tiroler Franui-Musiker mit dem Ensemble des Wiener Volkstheaters 2017 einstudiert haben.

Was damals wie ein böser Witz und besonders makabrer Kreisler-Einfall wirkte, ist in Zeiten der Corona-Pandemie gar nicht so weit von der Realität entfernt. Bekanntlich wurde die chinesische Metropole Wuhan tatsächlich wochenlang abgeriegelt: keiner durfte hinein oder heraus. Und auch in den westlichen Großstädten ist das Alltags-Leben bis auf ein Minimum heruntergefahren: der österreichische Kanzler Sebastian Kurz tat sich hier mit besonders strengen Maßnahmen hervor.

Im Lauf des „Wien ohne Wiener“-Abends ist zwar an anderer Stelle auch von einem Virus die Rede, die Abriegelung der Stadt in der ersten Szene hat aber andere Gründe: die grantelnden Wiener wollen einfach unter sich sein und haben keine Lust mehr auf die Touristen-Massen, die sich durch Hofburg, Prater und Stephansdom.

Prophetisch-makaber wirken auch die Zeilen „Und’s Burgtheater zu –
Es wär herrlich, wie schön Wien dann wär!“ Sie stammen aus dem Song „Wien ohne Wiener“, einer ätzenden Messer-Mord-Phantasie von Georg Kreisler an den Mitbürger*innen, in der Kreisler davon träumt, seine Heimatstadt für sich allein zu haben. Diesem Chanson verdankt auch die kabarettistische Revue ihren Titel.

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