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Bewertung und Kritik zu

MITWISSER
von Enis Maci
Regie: Pedro Martins Beja 
Premiere: 24. März 2018 
Schaupielhaus Wien 


Eingeladen zu den Berliner Autorentheatertagen (2019) 

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Zum Inhalt: Die ehemaligen Industrielandschaften des Ruhrgebiets sind heute von Arbeitslosigkeit und Bevölkerungsschwund gekennzeichnet. Vielen Bewohnern bietet diese Gegend nur noch wenig Perspektive. Der samstägliche Gang ins Fußballstadion gehört zur kulturellen DNA. Im Lauf der Jahrzehnte haben sich in dieser von Migration geprägten Gegend zwischen stillgelegten Kohlezechen, Industriebrachen und Fußballstadien salafistische Parallelgesellschaften herausgebildet. Die Strukturschwäche der Region eignet sich als Nährboden für Ideologie und Fanatismus. Der junge Nils Donath, leidenschaftlicher Fußballfan mit Kontakten zur Hooliganszene, entschließt sich bald zum denkbar radikalsten Bruch mit der westlichen Kultur.
Wie eine Drohne observiert Enis Maci irritierende Topografien und beschreibt mit großer Poesie eine aus den Fugen geratene Welt. In ihrem lyrischen Epos stellt sie das Ungeheure, Monströse neben das Alltägliche, in dem sich aber bisweilen Abgründe aufzutun scheinen und verknüpft beides zu einem düsteren Panorama. Im Zentrum stehen drei reale Kriminalfälle. Mehr als auf die Täter richtet sie ihren Blick dabei aber auf die Szenerien, auf Ökosysteme, die solches Handeln zulassen. Mal schaut Maci in fast planetarischem Maßstab auf diese Gebiete, mal zoomt sie tief hinein in die Beziehungsgeflechte, die menschlichen Biotope, die den Nährboden aller Taten ihrer Bewohner bilden. Sie unterliegt dabei nie der Versuchung, reißerisch oder sensationsheischend auf die Figuren zu blicken. Stattdessen setzt sie ein alternatives Gericht ein, das die Taten jedoch nicht moralisch werten will, sondern ihre Voraussetzungen, ihre Umgebung befragt. Überall finden sich seltsam passive, resignierte Menschen, die mit irritierendem Verständnis in die Abgründe blicken, mit denen sie konfrontiert sind. Enis Maci entdeckt auf ihrer Landkarte der Mitwisserschaft Mechanismen, die bis in die Mitte unserer Gesellschaft wirksam sind.

Mit Simon Bauer, Lili Epply, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff, Sebastian Schindegger

Regie: Pedro Martins Beja
Bühne / Kostüme: Elisabeth Weiß
Musik: Markus Steinkellner
Dramaturgie: Tobias Schuster

TRAILER


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AUTORENTHEATERTAGEN
  · 07.06.19
''Der junge Regisseur bekommt die ausufernden Textmassen der 1993 in Gelsenkirchen geborenen Autorin von Anfang an nicht so richtig in den Griff. In seiner 90minütigen Inszenierung mutiert das Stückpersonal fast im Minutentakt von Boul spielenden Floridarentnern mit Gummimasken über Partys feiernde Schüler und radikalisierte Jugendliche schließlich zu Kommentar-Zombies aus dem Internet. Maci arbeite textlich in sehr verschiedenen Stilen. Jugendliche Umgangssprache wechselt von Berichten über Ort und Geschehen zu philosophischen Einschüben und poetische Textpassagen nach antiken Tragödien. Es geht um drei reale Fälle von Gewaltverbrechen, bei denen es nicht nur um die Täter, sondern vor allem um die titelgebenden Mitwisser der Taten geht. Sie berichten von einem Jungen aus einer Kleinstadt in Florida, der seine Eltern umbringt und dann seine WhatsUp-Gruppe zur Party nach Hause einlädt, einer verheirateten türkischen Frau, die ihren Vergewaltiger aus dem familiären Umfeld umbringt und einem jungen deutschen Salafisten, der als IS-Kämpfer nach Syrien geht. Alles vorgetragen im verteilt gesprochenen bzw. chorischen Erzählstil. Hallo Textfläche halt. 

Gespielt wird das auf einer mit Leuchtröhren bestückten Gitterrostbühne, an deren Hintergrund die geografischen Koordinaten der Orte auftauchen. Die genauen Ortsangaben sind hier verbindende Klammer für etwas, das eigentlich an jedem Ort der Welt passieren kann, wie es auch überall die schweigende, wegsehende Masse gibt, die hier einmal auch als deutsche Bürger, die nichts von den NS-Verbrechen in den KZs gewusst haben wollen, auftritt. Eine „poetischer Kartografie einer verrohenden Welt“, wie es heißt. Langeweile, Fremdenhass, Rache aus Ehre, Beeinflussung von außen durch Internetkommentare, die hier als modernes Pentand zu den antiken Orakelsprüchen gedeutet werden, sind die Tatmotive. Die Täter stammen aus allen möglichen Schichten. Als angestrengt zuhörender Mitwisser wird man davon aber mehr überrollt als mitgenommen.'' schreibt Stefan Bock am 7. Juni 2019 auf KULTURA-EXTRA
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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Wortschwall und Motivbrei
  · 04.06.19
Der ausufernde Text kreist um den Teenager Tyler Hadley, der in einem Rentnerparadies in Florida aufwuchs und seine Eltern ermordete, bevor er seine Whatsapp-Kontakte zur Party in die sturmfreie Bude einlud, um die junge Türkin Nevin Yildirim, die nach einer Vergewaltigung Selbstjustiz übt und um Nils Donath aus Dinslaken, der sich wie erstaunlich viele Jugendliche aus der westfälischen Kleinstadt dem IS anschloss. Vor allem in der zweiten Hälfte mixt Maci noch Handlungsstränge aus der Orestie dazwischen. Allzu willkürlich wirkt es, wie sie plötzlich Klytämnestra und Orest in ihre Assoziationen schmuggelt.

Immerhin erleben wir ein starkes Schlussbild: mit ausgestochenen Augen räsonieren die fünf Spieler*innen über Reizüberflutung und Videorauschen im World Wide Web. Ratlos endet der Abend.

Uraufführungs-Regisseur Pedro Martins Beja und das Ensemble des Schauspielhauses Wien halfen sich damit, dass sie den konturlosen Wortschwall und Motivbrei, der wie Nachtkritik zurecht kritisierte „vom Ästchen aufs Stöckchen“ springt, so konventionell mit chorischem Sprechen inszenierten, wie wir es in ähnlichen Fällen schon zu oft gesehen haben.

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3.3
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