Hört, hört! Die Bauhaus-Protokolle

Bewertung und Kritik zu

HÖRT, HÖRT!
Die Bauhaus-Protokolle. Der große Streit von Weimar
Regie: Christian Weise 
Premiere: 18. August 2018 
Deutsches Nationaltheater Weimar
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Zum Inhalt: Das Bauhaus kommt aus Weimar, verkündet die Klassikerstadt heute stolz. Dabei war die Hochschule zur Zeit ihrer Gründung und während ihres kurzen Bestehens in Weimar alles andere als unumstritten. So stellte Walter Gropius resigniert fest: »90% der Anstrengungen der Bauhäusler galten allein der Abwehr von Anfeindungen, nur 10% blieben für die schöpferische Arbeit übrig.« Die schnell wechselnden politischen Stimmungen der frühen Weimarer Republik, wohl kalkulierte Angriffe der zahlreichen Bauhaus-Gegner und hitzige Attacken im Thüringer Landesparlament brachten das Bauhaus immer wieder in den Fokus der politischen Auseinandersetzung und erzwangen 1925 seine Schließung in Weimar. Zugleich zeugen die Debatten um das Bauhaus vom Ringen der jungen Demokratie um ihr Selbstverständnis und von der Radikalisierung der politischen Sprache in den 1920er Jahren.

Nun werden die Protokolle der Thüringer Landtagsdebatten zum Bauhaus zum Ausgangspunkt eines Theaterabends. »Hört, hört!« bringt historische Dokumente wie Protokolle, Zeitungsartikel, Briefe und damit die Kontroversen um das Bauhaus selbst auf die Bühne. Neben Walter Gropius tauchen die politischen Protagonisten der frühen 1920er Jahre, rechte wie linke Parteipolitiker, aber auch andere berühmte Persönlichkeiten auf. »Hört, hört!« ist aber nicht etwa das Remake eines historischen Streits: Mehr und mehr verwandelt sich das Parlament, das hohe Haus der Demokratie, in den Schauplatz für ein verrückt entrücktes Bauhausfest. Im Zentrum der Aufführung stehen die Geschöpfe der Künstlerin und Puppenspielerin Suse Wächter. Mit ihrem Stück »Helden des 20. Jahrhunderts« wurden Wächter und ihre ausdrucksstarken Puppen, zuletzt zu sehen in Julian Rosenfeldts Videoinstallation und Film »Manifesto«, berühmt.

Mit der Bauhauskapelle »Vincent Hammel«, dem Foxy Chor, Pascal Lalo, Sachiko Hara, Ulrike Langenbein, Veronika Thieme und Suse Wächter

Konzeption: Suse Wächter & Janek Müller
Regie & Puppenbau: Suse Wächter
Bühne: Constanze Kümmel
Musik: Vincent Hammel
Dramaturgie: Janek Müller, Peter Schütz, Thomas Martin


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Toller Kern, fades Beiwerk
  · 30.08.18
Das Re-Enactment der Landtagsdebatten mit Ausschnitten aus den Plenarprotokollen und die fiktiven Dialoge auf der Couch von Dr. Freud sind der Kern des Abends: ein toller Stoff, witzig umgesetzt, mit den Zuschauern als Zwischenrufern (von der Pappe abgelesen).

Dr. Emil Herfurth schäumte vor Wut. Der Gymnasiallehrer aus Weimar stemmte sich vehement gegen den Aufbruch in die Moderne. Vom Rednerpult des Thüringischen Landtags wetterte der DNVP-Abgeordnete, der sich später auch in der NSDAP engagierte und nach 1945 aus dem Schuldienst entlassen wurde, gegen Impressionismus, Expressionismus und alle weiteren Stilrichtungen, die in seinen Augen nichts weiter als Verirrungen und untragbare Abweichungen vom Edlen, Schönen, Wahren und Guten waren, das er als Stadtrat und Abgeordneter der Klassikerstadt Weimar pflegen wollte.

Sein Lieblingsfeind war Walter GropiusWir Zuhörer müssen uns ernsthaft Sorgen um Blutdruck und Wohlbefinden von Dr. Herfurth machen: ein ums andere Mal steigt er zum Rednerpult und prangert – sattelfest in Fakten und Zahlenkolonnen – die Verschwendung von Steuergeldern am Bauhaus Weimar an. Seine größte Schmach: er konnte 1922 nicht verhindern, dass die Mehrheit des Landtags eine große Bauhaus-Ausstellung rund um das Musterhaus Am Horn unterstützte.

Leider beließen es Suse Wächter und ihre Mitstreiter nicht bei diesem Plot. Statt der ursprünglich angekündigten 1h45 Minuten blähten sie den Abend auf 2h45 Minuten inklusive Pause auf. Das revuehafte Beiwerk ist fade.

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