Lieben Sie Gershwin?

Bewertung und Kritik zu

LIEBEN SIE GERSHWIN?
Gauthier Dance
Choreographie: Marco Goecke 
Premiere: 19. Januar 2020 
Theaterhaus Stuttgart

Zum Inhalt: Der Tanz und George Gershwin – das ist nichts weniger als eine große Liebesgeschichte. Davon zeugen nicht nur Filmklassiker aus Hollywoods goldener Ära, mit Stars wie Fred Astaire, Ginger Rogers oder Gene Kelly. Es ist vor allem die Musik Gershwins selbst, die erst in der Kombination mit Bewegung und Tanz ganz bei sich zu sein scheint. Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bevor sich auch Marco Goecke diesem unnachahmlichen Wanderer zwischen Jazz und Klassik, zwischen „E- und U-Musik“ zuwandte. Der musikalische Reichtum, aus dem er schöpfen konnte, ist immens und reicht von Hits wie Summertime, Someone To Watch Over Me oder The Man I Love über populäre Musical-Songs zu Gershwins Orchesterwerken wie dem Klavierkonzert in F-Dur. Die Qual der Wahl war im Übrigen auch bei der Auswahl der Interpretinnen angesagt. Jazz-Ikonen wie Sarah Vaughan haben Gershwins Songs legendäre Alben gewidmet, Janis Joplin hat sich von Summertime zu einer spektakulären, herben Blues-Version inspirieren lassen. Ihre Stimmen werden diese Produktion begleiten.

Dass Marco Goecke und der ultimativ tanzbare Komponist trotzdem erst jetzt zusammenkommen, hat einen Grund. Denn Gershwin hat „für die Füße komponiert“, wie Fred Astaire einmal sagte. Der Künstler, der in seiner Arbeit den Fokus konsequent auf die Arme und den Oberkörper der Tänzerinnen und Tänzer legt und mit diesem vibrierenden Stil berühmt wurde, hat diesmal so ganz neue Facetten des Choregraphierens erkunden. Und musste sich darüber hinaus einer weiteren Herausforderung stellen: dem Proben und Kreieren unter Corona-Bedingungen. Die Company und ihr Chef sind freudig gespannt – und zuversichtlich! Denn obwohl Vorhersagen in diesen unsicheren Zeiten schwierig sind – für diese Prognose zögert Eric Gauthier keine Sekunde. „Ich bin mir sicher: Am Ende des Stücks werden die Zuschauer nicht nur die Frage „Lieben Sie Gershwin?“ mit einem klaren Ja beantworten – sondern auch: „Lieben Sie Marco Goeckes Gershwin?“.

Choreographie: Marco Goecke
Bühne & Kostüme: Michaela Springer
Lichtdesign: Udo Haberland
Dramaturgie: Nadja Kadel


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Verweigerte Nähe
  · 08.10.20
''Die vierzehn Tänzerinnen und Tänzer erinnern an Marionetten oder sogar an Automaten, an Avatare. Bei Marco Goecke könnte Susanne Kennedy noch einiges lernen. Immer wieder werden Figuren – einheitlich gekleidete Personen und ihre Gesten und Bewegungen – verdoppelt oder sogar verdreifacht. Zu Windgeräuschen öffnet sich im Hintergrund eine Spiegelwand. Ansonsten gibt es kein Bühnenbild, keine Requisiten. Ausgerechnet zum Concerto in F wird der Stepptanz zitiert, den wir aus den Filmen mit Fred Astaire oder mit Gene Kelly kennen. Wo es Text gibt, in den Songs, wird dieser nicht illustriert. Der Tanz folgt der Musik, nicht den Worten. Umso erstaunlicher, dass der Solist im Finale des 70minütigen Abends wie der Rhapsody in Blue eher gegen die musikalische Logik antanzt. Goecke, so verstehen wir, liebt Gershwin, aber noch mehr liebt er die Souveränität des Tanzes.

Nur einmal, in "I Loves You, Porgy", kommen sich zwei Tänzerinnen ganz nahe wie ein Bild seinem Spiegelbild und umarmen sich. Sie dürfen das. Sie leben zusammen. Übrigens: George Gershwins Bruder Ira hat zu zahlreichen seiner Songs die genialen Texte geschrieben. Das Libretto zu Porgy and Bess stammt, anders als im Programmheft behauptet, nicht von ihm, sondern von DuBose Heyward.'' schreibt Thomas Rothschild am 8. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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