Das Rheingold

Bewertung und Kritik zu

DAS RHEINGOLD
von Richard Wagner
Regie: Stephan Kimmig 
Premiere: 21. November 2021 
Staatsoper Stuttgart

Zum Inhalt: Wenn am Beginn des Ring des Nibelungen die Fluten des Rheins aus einem einzigen Ton entstehen, klingt es, als folgte die Welt einer unerschütterlichen elementaren Ordnung. Doch bereits nach wenigen Minuten verortet Wagner in ihr einen folgenschweren Sündenfall: die Verfluchung der Liebe und den Raub des Goldes durch Alberich. Auch oberhalb des Wassers erweist sich die Welt nicht als krisenfrei: ein unbezahlbarer Prestigebau, dubiose Verträge, verschuldete Geschäftspartner, Frauen als pfändungsfähiges Eigenkapital – das gesamte mythische Personal, allen voran Göttervater Wotan, steckt in bedenklichen Familien- und Geschäftsbeziehungen. Und jede*r verstrickt sich mit jedem Handlungsschritt und jedem neuen musikalischen Motiv noch tiefer. Als Wagner die Komposition seiner Ring-Tetralogie in Angriff nahm, hatte er nichts weniger im Sinn als eine Kritik der menschlichen Vergesellschaftungsformen. Und er erzählte unter tollkühnem Mythen-Recycling eine weitgespannte Geschichte von Weltentstehung und -untergang, aufzuführen und anzuschauen von den aus ökonomischen Zwängen befreiten Menschen einer späteren Zeit. Ob wir uns als eben jene betrachten dürfen, sei dahingestellt.

Die Staatsoper Stuttgart nimmt das Angebot Wagners, auf vielfältige Weise von den Tiefenstrukturen sozialer Beziehungen zu erzählen, auf jeden Fall ein weiteres Mal an. Stephan Kimmig legt in seiner Inszenierung des „Vorabends“ die kolportagehaften und clownesken Züge der Jagd nach dem Ring frei. Im panikgetriebenen Versuch, den eigenen Vorteil zu retten, legen die Gegenspieler*innen einander immer wieder herein und aufs Kreuz – mit fadenscheinigen Tricks und mit schwindelerregenden Volten. Ein gespenstisches Variété, ein Alptraum oder die wirkliche Welt? Wo läge genau der Unterschied? Allerdings könnte die Mahnung der Urmutter Erda, dass der eingeschlagene Weg in die Zerstörung führt, diesmal zum Erwachen aller führen. Dann wäre trotz dieses Anfangs vielleicht gar kein Ende nötig.

Musikalische Leitung: Cornelius Meister
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß und Anja Rabes
Licht: Gerrit Jurda
Video: Rebecca Riedel
Bewegungsarbeit: Bahar Meriҫ
Dramaturgie: Miron Hakenbeck


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Alberichs Fluch
  · 22.11.21
''Stephan Kimmigs Konzeption verweist nicht in eine mythische Vergangenheit, sondern eher in eine dystopische Zukunft. Kurz vor dem Ende gesellt sich Erda (Stine Marie Fischer) auf dem Fahrrad und in heutiger Alltagskleidung zu den versammelten Akteuren, um die Götterdämmerung des „Dritten Tags“ zu prophezeien, eine deutsche antikapitalistische Kassandra oder Pythia. Am Ende wird das Ensemble, Wotan eingeschlossen, mit gelben Anoraks eingekleidet, so dass es aussieht wie eine Delegation von der Kieler Förde. Wahrscheinlich soll es aber auch an die Pariser Gelbwesten erinnern. Ein Transparent mahnt: „Lasst alle Feigheit fahren.“ So viel Protest gab es im Ring noch selten. Zum Wagner von 1848 passt er durchaus. Denn auch das gehört zu den Kalamitäten der Wagner-Exegese: er wird zu selten historisch, in seiner biographischen Entwicklung betrachtet. Kimmig trägt da zu einer Korrektur bei.

Die Sängerinnen und Sänger erfreuen durchweg und erinnern daran, dass Stuttgart einst als Winter-Bayreuth galt. Es ist auch keine einzige Fehlbesetzung zu beklagen, selbst in den kleinsten Rollen bestechen die Interpreten durch stimmliche Perfektion. Anhaltender Applaus für die Sänger, Beifall und Buhs für die Regie. Was genau die Buhs provoziert hat, werden wir nicht erfahren. War es der Mangel an Mittelalter? Der Zug ins Komische? Oder nahmen da einfach ein paar Couragierte die Aufforderung auf dem Transparent beim Wort?'' schreibt Thomas Rothschild am 22. November 2021 auf KULTURA-EXTRA
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