Schuberts "Winterreise"

Bewertung und Kritik zu

SCHUBERTS "WINTERREISE"
von Hans Zender
Regie: Aernout Mik 
Premiere: 1. März 2020 
Staatsoper Stuttgart

Zum Inhalt: „Fremd bin ich eingezogen.“ Ja. Aber wer ist „Ich“? Ein einsamer Wanderer vor fast 200 Jahren, der einer romantischen Vorstellung von Liebe nachhängt? Oder ist „Ich“ gar kein Subjekt, sondern eine Masse? Bewegen wir uns kollektiv fremd in der eigenen Gesellschaft? Ist Fremdheit ein Gefühl, ein Status, ein Zustand? Und wer entscheidet darüber? Aernout Mik, niederländischer Filmkünstler, der an der Schnittstelle zwischen Performance, Installation und Architektur arbeitet, untersucht in seiner Interpretation von Hans Zenders Schuberts „Winterreise“ Situationen einer Massengesellschaft in einem Moment der Krise und des Kollapses sozialer Ordnung. In seinen inszenierten Videoarbeiten löst er Menschen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und lässt sie mysteriöse, stereotype Handlungen vollziehen.

Das Individuum ist isoliert, zersplittert, verlorengegangen in einer kommunikationslosen Massengesellschaft, deren Regeln und Dynamiken nicht mehr durchschaubar sind. Es ist der Prozess, den auch Zender 1993 in seiner „komponierten Interpretation“ von Schuberts Winterreise beschreibt: Jahrhundertelange Interpretationsgeschichte verändert das Original und löst es auf. Dem Original schreibt Zender daher die Veränderungen direkt ein: Er projiziert die Klavierbegleitung von Schuberts Liedern in ein kleines Orchester, das mit Mitteln der Färbung, Wiederholung, Dehnung oder Beschleunigung die kolossal unterschiedliche Wirkung jedes einzelnen Liedes überzeichnet und überschreibt. So wie Zender durch postmoderne Augen das romantische „Ich“ des einsamen Wanderers auflöst, zersplittert Mik das Individuum mit der Kamera: Er nimmt multiple Perspektiven auf das Original, auf unsere Wirklichkeit ein, und bringt sie uns auf verunsichernde Weise nahe – näher vielleicht als es uns lieb ist.

Musikalische Leitung: Stefan Schreiber
Konzept, Video, Raum & Regie: Aernout Mik
Dramaturgie: Barbara Eckle und Julia Schmitt
Live-Kamera: Tobias Dusche und Daniel Keller
Tenor: Matthias Klink

TRAILER


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Am Brunnen vor Manhattan
  · 02.03.20
''Um Zenders Werk für die Bühne attraktiver zu machen, setzt der niederländische Regisseur Aernout Mik auf jenes Medium, das heute eher auffällt, wenn es fehlt, als wenn es vorhanden ist: auf Video. Zur Personenführung fällt ihm nicht viel ein. Klink muss am Orchester vorbei auf ein kleines Podium wandern, sich an- und ausziehen, sich mal setzen, mal hinlegen. Das war‘s dann auch. Auf drei Leinwände werden schwarz-weiße Filmschnipsel projiziert, die sich eher kontrastiv als illustrativ zu den Liedtexten verhalten. Man sieht Menschenmassen aus aller Welt und in verschiedenen Situationen: Demonstrationen mit Polizeigewalt, Karnevalsumzüge, Sportbesucher. Der Lindenbaum wird mit Aufnahmen von Manhattan bebildert. Handys werden geschreddert. Live-Video folgt einigen mobilen Musikern in die Kassenhalle der Oper (was nicht ganz neu ist) und in den nächtlichen Schlossgarten vor deren Pforten oder zeigt, in Großaufnahme, Klinks Nabel.

Einzelne Musiker werden im Raum, auf der Hinterbühne und an den Eingängen vom Foyer umgruppiert. Wenn es im Text heißt „Nun ja, die Post kommt aus der Stadt“, stellen sich Bläser als Inkarnation des Posthorns links und rechts vom Sänger auf. Frenetischer Beifall für Matthias Klink und das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des für (mehr oder weniger) Zeitgenössisches zuständigen Stefan Schreiber, vereinzelte Buhs für die Regie.'' schreibt Thomas Rothschild am 2. März 2020 auf KULTURA-EXTRA
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