Maria Stuart

Bewertung und Kritik zu

MARIA STUART 
von Friedrich Schiller
Regie: Martin Kušej 
Premiere: 14. August 2021 (Salzburger Festspiele) 
Wien-Premiere: 5. September 2021 (Burgtheater Wien) 

Zum Inhalt: Die letzten 15 Jahre im Leben von Friedrich Schiller waren geprägt von Extremen: Sie zeichneten sich durch eine enorme Schaffenskraft des Dichters aus, ihn quälten aber auch diverse Krankheiten, die ihn immer wieder vom Arbeiten abhielten und von denen die gnadenloseste, die Tuberkulose, schließlich 1805 zum Tode führte. Über ein Jahrzehnt, von 1787 bis 1798 hatte er vom Stückeschreiben pausiert, bevor er innerhalb von nur fünf Jahren in einem großen Lebens-Endspurt sein Spätwerk verfasste: Wallenstein, Maria Stuart, Die Jungfrau von Orleans, Die Braut von Messina und Wilhelm Tell. Das Jahrzehnt davor – ohne dramatisches Schaffen – arbeitete er, wenn die Gesundheit es zuließ, an seinen bekanntesten philosophischen Schriften zur Kunst und zum Theater.

Was er dort schrieb, klingt mitunter erstaunlich: In Über das Erhabene greift Schiller auf eine medizinische Metapher zurück, um die Relevanz des Theaters für die Menschen und die Gesellschaft zu verdeutlichen: „Das Pathetische ist eine Inokulation [= Einimpfung] des unvermeidlichen Schicksals, wodurch es seiner Bösartigkeit beraubt wird.“ Übersetzt für uns Heutige: Das Mitfiebern im Theater ist für das Publikum eine Impfung gegen die katastrophischen Wechselfälle im echten Leben. Schiller, der studierte Arzt, hat das wörtlich gemeint: Für ihn war das Theater eine große Impfstation, die man nur häufig genug besuchen musste, um gegen die Katastrophen des Schicksals und das Leiden am Leiden gewappnet zu sein.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Friedrich Rom
Ton: David Müllner und Aki Traar
Choreografische Arbeit: Daniela Mühlbauer
Dramaturgie: Alexander Kerlin


 

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
''War die zum letzten THEATERTREFFEN eingeladenen Maria Stuart vom Deutschen Theater Berlin in der Regie von Anne Lenk ein auch der Pandemie geschuldetes distanziertes Spiel in einem Setzkastenbühnenbild, so ist Kušejs Inszenierung das ganze Gegenteil davon. Körperliche Nähe ist hier Programm. Zuweilen recht übergriffig zeigen sich die Herren Burleigh (Norman Hacker), Leicester (Itay Tiran) und der jugendliche Fanatiker Mortimer (Franz Pätzold) nicht nur in Worten gegenüber den beiden Königinnen. Birgit Minichmayr ist als leidende Maria Stuart an den Händen durch ein langes Seil gefesselt. Gequält richtet sie ihre anklagenden Sätze und Beteuerungen der Unschuld ins Publikum. Bibiana Beglau als schwankende Elisabeth I. ist dagegen mal um kühle Distanz zu ihren Beratern, dann wieder um emotionale Nähe zum Geliebten Leicester bemüht.

Das Zusammentreffen der Kontrahentinnen ist zunächst mehr ein vorsichtiges Abtasten auf leerer Bühne unter einem hin und her schwingenden Lampenspot, bis die beiden sich in Rage geredet haben. Gegen die enge Phalanx der Männer haben die Frauen aber nie wirklich eine Chance. Betrogen sind sie am Ende beide. Die eine macht ihren Frieden mit der Männerwelt als strahlender Engel ganz in Weiß, die andere steht dort ganz in Rot als Verteidigerin ihrer Macht, der sie aber ihre Weiblichkeit opfert. Regisseur Kušej setzt auf die Gewalt der Bilder, düster wabernden Nebel, den bekannt harten Begleitsoundrack Bert Wredes und viel Pathos in den Stimmen seiner Protagonistinnen. Das ist sicher sehr eindrucksvoll anzuschauen, aber auch mitunter etwas zu dick aufgetragen.'' schreibt Stefan Bock am 24. August 2021 auf KULTURA-EXTRA
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