Die Stützen der Gesellschaft

Bewertung und Kritik zu

DIE STÜTZEN DER GESELLSCHAFT
von Henrik Ibsen
Regie: Sascha Hawemann 
Premiere: 20. März 2020 (ENTFÄLLT WEGEN CORONAVIRUS) 
Hans Otto Theater Potsdam 

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Zum Inhalt: Karsten Bernick ist ein angesehener Bürger, erfolgreicher Unternehmer und wichtigster Arbeitgeber in einer Kleinstadt am Meer. Sein Credo: Wenn die Wirtschaft floriert, profitiert die ganze Gesellschaft. Bernick ist auf ein gutes Image angewiesen, insbesondere deshalb, weil er bei seinem neuesten Projekt, dem Bau einer Eisenbahntrasse, mit riskanten, halblegalen Tricks operiert. So tut er alles, um auch im Blick auf seine privaten Verhältnisse der Öffentlichkeit das Bild einer Vorzeigefamilie präsentieren zu können. Da kommt es für ihn höchst ungelegen, dass gerade jetzt seine emanzipierte, als verrucht geltende Schwägerin Lona Hassel und deren scheinbar zwielichtiger Halbbruder Johan nach 15 Jahren aus Amerika zurückgekehrt sind und die Atmosphäre in der Kleinstadt gehörig aufzumischen drohen. Mit beiden verbindet Bernick ein heikles Geheimnis aus früheren Zeiten. Wenn sie auspacken, wäre sein guter Ruf ruiniert, und die Firma stünde vor dem Bankrott. Bernick hält seine Lage für alternativlos: Um Schaden von der Stadt und sich selbst abzuwenden, müsse er auf kriminelle Praktiken zurückgreifen und sogar ein Mordkomplott in Kauf nehmen.

Ibsens Stück aus dem Jahre 1877 ist ein Politik- und Beziehungsthriller mit viel sozialem Sprengstoff, der hellsichtig zentrale Fragen unserer Gegenwart thematisiert: Inwieweit sind wirtschaftliche Vernunft und moralisches Handeln vereinbar? Wie lassen sich die Auswüchse eines ungezügelten Kapitalismus bekämpfen? Wer trägt die Kosten für den ökonomischen Erfolg? Wie umgehen mit verlogenen und korrupten Machenschaften, die sich hinter den schicken Fassaden der Gesellschaft verbergen?

Regie: Sascha Hawemann
Kostüme: Ines Burisch
Bühne: Alexander Wolf / Sascha Hawemann
Mitarbeit Bühne: Anneke Goertz
Dramaturgie: Christopher Hanf


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Drei Lichtblicke
  · 23.11.21
''Ein Lichtblick: Guido Lambrecht. In Gestalt des Konsuls ist er der einzige Schauspieler, der seiner Figur mehrere Eigenschaften geben darf – er ist scharf, komisch, eiskalt, larmoyant, später immer verzweifelter. Ihm schaut man die langen drei Stunden dieses Abend gern zu.

Zweiter Lichtblick, trotz Apokalypse: das Finale. Nichts löst sich bei Hawemann in Wohlgefallen auf – das Schiff geht unter, die Familie stirbt, dem Konsul bleibt nur die Einsamkeit. Die Welt steht vor dem Untergang. Und Lambrecht endet mit einer Rede, die unser aller wohlfeile Herabwürdigung von Unternehmern und Erfindern anprangert, ohne die es weder das Rad noch die Batterie noch einen Impfstoff geben würde.

Und dritter Lichtblick: Die Intendantin Bettina Jahnke, die nicht nur dafür gesorgt hat, dass in Potsdam mit viel Abstand und nur halbvollem Saal gespielt wird, sondern die zum Schlussapplaus alle Zuschauerinnen und Zuschauer auf direktem Weg nach Hause schickte – aufgrund der hohen Corona-Zahlen fiel jede Form der Premierenfeier aus. Passend zum Abend eine moralisch sehr anständige Entscheidung.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Mehrere gesellschaftliche Probleme in einen rockigen Ibsen-Abend
  · 22.11.21
''Während im Video Arbeiter aufmarschieren und Aune (René Schwittay) von Zeitarbeitern und Maschinen spricht, die die Menschen fressen, geben Lehrer Roehrlund (Jon-Kaare Koppe) und Betty Bernick (Katja Zinsmeister) in roten Locken und Puppenkleidchen eine Laienspiel-Nora, was wie eine kleine Hommage an Herbert Fritschs 2011 zum THEATERTREFFEN eingeladene Oberhausener Nora-Inszenierung wirkt. Betty hat das Vorzeigeanhängsel des Konsuls (Guido Lambrecht) nicht viel zu sagen, was Hawemann später nochmal für eine spaßige Kritik am Regisseurs-Theater nutzt, als Bernick seiner Frau als Hedda Gabler Regieanweisungen vom weißen Designer-Sofa aus gibt. Dass sich Betty bei Ibsen später gegen ihren Mann emanzipiert und das Schlimmste verhindert, ist hier nicht wirklich vorgesehen. Viel Gekreische gegen Mann Karsten und Eifersüchteleien gegen die heimgekehrte Konkurrenz Lona, hektisches Herumgerenne und moderne Kraftausdrücke lassen einen wähnen, man befände sich in der Volksbühne der 90er Jahre.

Nebenbei muss natürlich auch noch die Handlung vorangetrieben werden, droht die Aufdeckung aller Schandtaten Bernicks und die Stütze der Gesellschaft zu fallen. Als Stütze der Stütze hat auch noch Prokurist Krap (Joachim Berger) seinen Erkenntnismonolog. Das ist selbst für einen fast 3stündigen Abend etwas viel. Trotzdem hält halbwegs die Spannung bis zum bitteren Untergang des Schiffs Indian Star, das Johan nach Amerika bringen soll. Das Ende des Stücks hat Hawemann abgeändert und gibt seinem Bernick einen Ich-bereue-nichts-Rechtfertigungsmonolog gegen die Menschen ohne Visionen, die nicht das Recht haben, ihn moralisch zu verurteilen. Kein Neubau ohne Abriss. Das kommt einem dann doch irgendwie bekannt vor. Fragt sich nur, wer die sogenannten Stützen oder „Grundpfeiler der Gesellschaft“, wie es Roehrlund in seiner Lobrede auf Bernick sagt, heute sind. Aber die „Spitze der Pyramide“ wie Bernick sich nennt, braucht immer auch einen starken Unterbau.'' schreibt Stefan Bock am 22. November 2021 auf KULTURA-EXTRA
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