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Bewertung und Kritik zu

AUFFÜHRUNG EINER GEFÄLSCHTEN PREDIGT ÜBER DAS STERBEN
von Boris Nikitin
Regie: Boris Nikitin 
Premiere: 28. September 2018 
Staatstheater Nürnberg 


Eingeladen zu den Berliner Autorentheatertagen (2019) 

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Zum Inhalt: Ein Gospelchor auf einer Bühne. Und zwei weitere Menschen. Der eine kommt mir bekannt vor, habe ich nicht sein Bild auf der Theater-Website gesehen? Ein Schauspieler. Aber ist er hier als Schauspieler? Und der andere? Ein Prediger? Ist das dokumentarisches Theater? Nein. Oder? Was ist das hier? Eine Art Gottesdienst? Die Versammlung einer evangelikalen Sekte? Doch einfach Theaterfiktion? Boris Nikitins Stücke gehen an die Ränder des Theaters – und manchmal auch darüber hinaus. Er erkundet die Grenze zwischen (vermeintlicher) Realität und Fiktion, dem Dokument und dessen Fälschung und bevorzugt sprengt er diese Kategorien gleich ganz. Die Theaterabende, die daraus entstehen, sind oft roh, grobkörnig, frontal, direkt. Sie spielen mit Rhetorik, propagandistischen Formen, sind widerspenstig. Und dann berühren sie. Können emotional packen. Plötzlich entsteht ein durch und durch "wahrer" Moment. Aber schon wird er wieder hinterfragt. Was für eine Wirklichkeit wird hier dargestellt – nein, hergestellt? Die Kategorien verschwimmen. Und gerade weil Boris Nikitins Arbeiten so gut wie alles in Frage stellen, gehören sie zum Verführerischsten, was man im Theater erleben kann.
"Erst da, wo ich sterben kann – da, wo ich also leben kann, weil ich nicht mehr leben muss – da beginnt das Politische." So formuliert Boris Nikitin einen der Gedanken, die für die Konzeption der Aufführung einer gefälschten Predigt über das Sterben entscheidend sind. In der vielleicht größtmöglichen Selbstermächtigung, dem Annehmen des unvermeidlichen Endes, liegt ein entschiedener und entscheidender Anfang. Möglicherweise sind erst jetzt, unter bewusstem Einsatz der eigenen Verletzbarkeit, souveräne Entscheidungen möglich. Was für ein schöner und eigentlich einfacher Gedanke, den die englische Sprache schon im Wort für Verletzbarkeit auf den Punkt bringt: In vulnerability steckt eben auch ability, die Fähigkeit. Was ist diese Fähigkeit, sich verletzbar zu machen, Verletzung auszuhalten, zu bejahen, Kraft aus ihr zu ziehen? Welche Möglichkeiten, Potentiale setzt sie frei? Kann es erst hier richtig politisch werden, da wo die größtmögliche Entschiedenheit entstehen kann? Geht das nur am Ende oder auch mittendrin? Und ist das Predigt? Propaganda? Oder eben doch Theater?

Mit Yascha Finn Nolting, Malte Scholz, Nürnberger Gospelchor, Veitsbronner Gospelchor "Vo!ces"

Regie: Boris Nikitin
Video: Georg Lendorff, Alexander Mrohs
Licht: Frank Laubenheimer
Dramaturgie: Sascha Kölzow

TRAILER


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Langatmige, textlastige Performance
  · 02.06.19
Mit einer Predigt hat das Nürnberger Gastspiel mit dem langen Titel erstaunlich wenig zu tun. Bei der Arbeit von Boris Nikitin, der vor allem in der freien Szene unterwegs ist, und Malte Scholz handelt es sich um eine wortreiche, sehr textlastige Performance, die um den Tod und das Sterben kreist.

Aufhänger für die von Malte Scholz mit der sonoren Stimme eines Entertainers vorgetragenen, manchmal zu philosophisch-raunenden Textmasse sind Gedanken von Aristoteles und eine dazu passende Stelle aus Heiner Müllers „Der Auftrag“: „Ihr habt das Sterben verlernt, deswegen seid ihr zu keiner Revolution mehr fähig.“

Aufgelockert durch sehr schön vorgetragene Songs des Gospelchos Nürnberg und des Veitsbronner Gospelchors „Voices“ kämpft sich Scholz durch langsatmige Monologe, die vor allem um das Sterben seines Vaters kreisen, der an ALS litt und binnen Monaten komplett bewegungsunfähig wurde, seine ursprüngliche Patientenverfügung aber mehrfach änderte. Dazwischen schieben sich Gespräche mit Sterbehilfe-Vereinen in der Schweiz und Theater-Betriebs-Geplauder von Scholz mit seinem Kollegen Yascha Finn Nolting, der ihn am Klavier begleitet.

Der Seelenstriptease von Scholz, bei dem wie so oft in der Schwebe bleibt, wie viel fiktional oder autobiographisch ist, mündet in einen Striptease, an dessen Ende der Performer nackt am Boden liegt, während lange Kamerafahrten durch triste Krankenhaus-Sterbeflure über die Leinwand flimmern.

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3.3
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