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Bewertung und Kritik zu

DANTONS TOD
von Georg Büchner
Regie: Sebastian Baumgarten 
Premiere: 30. Oktober 2020 
Residenztheater München 

Zum Inhalt: «Dantons Tod», 1835 vom erst zweiundzwanzigjährigen Georg Büchner nach umfangreichen Studien in nur fünf Wochen niedergeschrieben, basiert auf historischen Quellen und Dokumenten der Französischen Revolution, deren Maxime der «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» unser aller Verständnis moderner europäischer Demokratien geformt hat. Büchner erzählt aber nicht vom triumphalen Anfang, dem bis heute gefeierten Sturm auf die Bastille, als der Kampf dem Volk galt, sondern fokussiert auf wenige Tage gegen Ende der sogenannten Schreckensherrschaft der Jakobiner im Frühjahr 1794. Die ehemaligen Weggefährten Danton, Epikureer und Melancholiker, und Robespierre, Tugendterrorist und Dogmatiker, stehen einander als ideologische Gegner gegenüber. Die Revolution bedeutet nur noch Terror der Guillotine, dem die Revolutionäre selbst zum Opfer fallen. In einem Brief notiert Büchner: «Ich studiere die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte.»

«Dantons Tod», das einzige Werk des Dichters, Mediziners und Revolutionärs, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde, kreist um immer gültige Fragen: nach der Notwendigkeit und Legitimität von Gewalt zur Verfolgung politischer Ziele, nach der individuellen Gestaltungsmöglichkeit im Räderwerk des Daseins, nach der (Nicht-)Existenz Gottes, nach der (Un-)Möglichkeit von Liebe, nach der Einsamkeit des Menschen (angesichts des Todes) – und ist nichts weniger als eine poetische Untersuchung der Conditio humana.

Inszenierung: Sebastian Baumgarten
Bühne: Thilo Reuther
Kostüme: Jana Findeklee, Joki Tewes
Video: Chris Kondek
Komposition und Sounddesign: Christoph Clöser
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Constanze Kargl


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Revolutionszombies neben Roboterarm
  · 17.11.20
Vor zehn Jahren hat Sebastian Baumgarten den Büchner-Klassiker schon einmal inszeniert. Die Premiere am Berliner Gorki Theater erntete Verrisse: das Revolutionsdrama verkomme zur Farce, Baumgarten nehme den Büchner-Text nur als Material für einer ermüdende Assoziationsmaschine. Die historischen Figuren ließen sich nicht mehr klar zuordnen und verschwammen als „lauter freischwebende Fragmentteilchen“, kritisierte damals der viel zu früh verstorbene Dirk Pilz in der Berliner Zeitung.

Überbordend ist auch diese neue „Dantons Tod“-Inszenierung, die zwei Tage vor dem Kultur-Lockdown am Residenztheater in München Premiere hatte und in den letzten beiden November-Wochen online abrufbar ist. Wie von Baumgarten gewohnt, setzt er häufig Videos im Stil des expressionistischen Stummfilms ein, für die an diesem Abend Chris Kondek zuständig ist. Auch eine überdimensionale Lenin-Figur greift mit ihren kritischen Anmerkungen in die postrevolutionären Diskurse ein.

Doch statt Farce und Klamauk sind an diesem Abend eine große Ernsthaftigkeit zu spüren. Der klassische Büchner-Text ist nicht nur Material, sondern kommt – mit einigen Kürzungen und Umstellungen – in seiner ganzen Wucht zur Geltung. Die bekannten historischen Figuren sind klar erkennbar und jeweils einem Spieler zugeordnet: Florian von Manteuffel als Danton und Lukas Rüppel als Robbespierre stehen sich als die beiden Antagonisten gegenüber. Bis in die Nebenrollen ist der Abend mit insgesamt 17 Spieler*innen prominent besetzt: so spielt zum Beispiel Sibylle Canonica die Grisette Marion oder Johannes Nussbaum den Lacroix, der gemeinsam mit Danton und seinen Anhängern zum Schafott geht.

Zwischen all den auf das Publikum einprasselnden Videos und scharfen Wortgefechten dreht sich die gewaltige Bühne fast ständig. Im Gegensatz zu den Revolutionären kommt Büchner diesmal nicht unter die Räder. Fremdtexte setzt Baumgarten nur behutsam ein, zum Beispiel zum Finale, als Thomas Lettow vor dem Tribunal aus einem Aufsatz des Philosophen Boris Groys über das Verhältnis von Kunst, Politik und Revolution.

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