DER SENATOR in «Die Elenden / Les Misérables»

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1. Buch, 8. Kapitel - Philosophie nach dem Trinken 

Der Senator und der Bischof

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DER SENATOR: Ich hasse Diderot, er ist ein Ideolog, ein Declamator und ein Revolutionair, der im Grunde an Gott glaubt und bigotter ist, als Voltaire. Voltaire hat sich über Needham lustig gemacht und hat Unrecht gehabt. Denn die Essig-Aelchen Needham's beweisen, daß Gott unnütz ist. Ein Tropfen Weinessig in einem Löffel Mehlteich ersetzt das: Es werde Licht. Nehmen Sie den Tropfen und den Löffel größer an, so haben Sie die Welt. Der Mensch, das ist das Aelchen. Wozu nützt denn der ewige Vater? Herr Bischof, die Hypothese Jehovah ermüdet mich. Sie ist nur gut dazu, magere Leute zu machen, die närrische Gedanken hegen. Nieder mit dem großen All, das mich absetzt! Es lebe das Nichts, das mich in Ruhe läßt! Unter uns, und um meine Tasche zu leeren und bei meinem Pastor zu beichten, wie es sich geziemt, gestehe ich Ihnen, daß ich gesunden Verstand habe. Ich bin nicht wahnsinnig von Ihrem Jesus eingenommen, der an jeder Ecke Entsagung und Opfer predigt! Es ist ein Rath des Geizigen an Schelme. Entsagung! Wozu? Opfer! Für wen? Ich sehe nicht, daß ein Wolf sich dem Glücke eines anderen Wolfes opfert. Bleiben wir bei der Natur. Wir sind auf dem Gipfel; haben wir eine überlegene Philosophie. Was nützt es, oben zu sein, wenn man nicht weiter sieht, als über die Nasenspitze der Anderen? Leben wir lustig. Das Leben, das ist Alles. Daß der Mensch eine andere Zukunft habe, anderwärts, dort oben, dort unten, irgendwo, davon glaube ich nicht ein verrätherisches Wort. So! Man empfiehlt mir Opfer und Entsagung. Ich soll auf Alles achten, was ich thue; ich soll mir den Kopf über das Gute und das Böse zerbrechen, über das Gerechte und das Ungerechte, über das Recht und das Unrecht. Wozu? Weil ich von meinen Handlungen Rechenschaft zu geben haben werde. Wann? Nach meinem Tode. Was für ein schöner Traum! Nach meinem Tode! Da muß Der sehr fein sein, der mich kneipt. Lassen Sie doch eine Handvoll Asche durch eine Schattenhand ergreifen. Sprechen wir die Wahrheit, wir, die wir die Eingeweihten sind und den Schleier der Isis gelüftet haben. Es giebt weder Gutes noch Böses; es giebt nichts, als die Vegetation! Suchen wir nach dem Wirklichen, forschen wir nach Thatsachen. Gehen wir auf den Grund, zum Teufel! Man muß die Wahrheit wittern, die Erde aufwühlen und sie ergreifen. Dann gewährt sie uns ausgesuchte Freuden. Dann werden wir stark und lachen. Ich bin aufrichtig. Herr Bischof, die Unsterblichkeit des Menschen ist eine Mühle, die nur durch Schleusen in Bewegung gesetzt wird. O, das allerliebste Versprechen! Dem muß man glauben! Was für eine schöne Anweisung Adam hat! Erst ist er Seele, dann wird er Engel und schließlich wachsen ihm blaue Flügel an den Schultern. Stehen Sie mir doch bei! Ist es nicht Tertullian, welcher sagt, daß die Seele von einem Stern zum andern wandern wird? Mag sein. Man wird zu einer Heuschrecke der Sterne und dann wird man Gott sehen. La, la, la! Albernheit, alle diese Paradiese! Gott ist eine Riesenalbernheit. Ich werde das meiner Treu nicht im Moniteur sagen, aber ich flüstere es unter Freunden, inter pocula. – Die Erde wegen des Paradieses opfern, heißt die Beute wegen des Schattens fahren lassen. Sich durch die Unendlichkeit betrügen lassen? So einfältig bin ich nicht. Ich bin Nichts. Ich nenne mich Herr Graf um Nichts, Senator. War ich schon vor meiner Geburt? Nein. Werde ich nach meinem Tode sein? Nein. Was bin ich? Etwas Staub, angehäuft durch einen Organismus. Was habe ich auf dieser Erde zu schaffen? Mir bleibt die Wahl. Leiden oder genießen. Wohin wird mich das Leiden führen? Zum Nichts. Aber ich habe gelitten. Wohin wird mich der Genuß führen? Zum Nichts. Aber ich habe genossen. Meine Wahl ist getroffen. Man muß essen oder gegessen werden. Ich esse.