DER PRIESTER in «Der Glöckner von Notre Dame» I.

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8. Buch, 4. Kapitel - Lasciate ogni speranza

Der Priester und das junge Mädchen  

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DER PRIESTER: Unterbrich mich nicht . . . Ja, ich war glücklich; wenigstens glaubte ich es zu sein. Ich war rein, ich besaß eine Seele, die voll lichter Klarheit war. Kein Haupt war, welches sich stolzer und strahlender erhob, als das meinige. Die Priester fragten mich über die Keuschheit, die Gelehrten über die Wissenschaft um Rath. Ja, die Wissenschaft war alles für mich; sie war eine Schwester, und eine Schwester genügte mir. Und selbst mit dem Mannesalter wären mir keine anderen Gedanken gekommen. Mehr als einmal hatte sich mein Fleisch geregt, wenn eine weibliche Gestalt vorüberging. Diese Macht des Geschlechtstriebes und des Blutes beim Manne, welche ich, ein thörichter Jüngling, für das ganze Leben zu ersticken geglaubt, hatte mehr als einmal und krampfhaft an der Kette der eisernen Gelübde gerüttelt, die mich Elenden an die kalten Steine des Altares fesseln. Aber das Fasten, das Gebet, das Studium, die Kasteiungen des Klosters hatten die Seele wieder zur Herrin des Körpers gemacht. Und außerdem mied ich die Frauen. Ueberdies brauchte ich nur ein Buch zu öffnen, und alle unreinen Dünste meines Gehirnes flohen vor dem Glanze der Wissenschaft. In wenig Augenblicken fühlte ich die finstere Wirklichkeit der Erde ins weite fliehen, und ich fand mich beruhigt, entzückt und heiter in Gegenwart des ruhigen Glanzes der ewigen Wahrheit. So lange der Satan, mich anzugreifen, nur flüchtige Schattenbilder von Frauen schickte, die hier und da, in der Kirche, auf den Straßen, auf den Fluren vor meinen Augen vorüberzogen, und die mich kaum in meine Träume verfolgten, siegte ich leicht. Wehe! wenn der Sieg mir nicht geblieben ist, so liegt die Schuld davon an Gott, welcher den Menschen und den Teufel nicht mit gleicher Stärke begabt hat . . . Höre! Eines Tages . . .

(Hier hielt der Priester an, und die Gefangene hörte aus seiner Brust Seufzer entsteigen, die wie Röcheln und heftiger Kampf erklangen.)

. . . Eines Tages hatte ich mich an das Fenster meiner Zelle gelehnt . . . Welches Buch las ich doch? Ach! Alles ist in meinem Kopfe in Verwirrung . . . ich las. Das Fenster ging auf einen Platz hinaus. Ich höre den Lärm einer Trommel und Musik. Aergerlich darüber, so in meinem Nachdenken gestört zu sein, blicke ich auf den Platz. Was ich sah, sahen auch viele andere außer mir, und doch war es kein Schauspiel für sterbliche Augen. Da, mitten auf der Straße . . . es war Mittag . . . heller Sonnenschein . . . tanzte ein Wesen. Ein Wesen, so schön, daß Gott sie der heiligen Jungfrau vorgezogen und zu seiner Mutter erwählt haben würde, und gewünscht, von ihr geboren zu werden, wenn sie gelebt, als er Mensch geworden wäre! Ihre Augen waren schwarz und glänzend; mitten in ihrem schwarzen Haupthaare schimmerten, wenn die Sonne sie traf, einige Haare wie Goldfäden. Ihre Füße verschwanden in ihrer Bewegung, wie die Speichen eines Rades, welches sich eilig dreht. Rings um ihr Haupt, an ihren schwarzen Flechten hingen Metallblättchen, welche im Sonnenlichte blinkten und ihre Stirne mit einem Sternenkranze schmückten. Ihr mit Goldflittern übersäetes Gewand flimmerte blau und mit zahllosen Perlen benäht, wie eine Sommernacht. Die geschmeidigen braunen Arme schlangen sich um ihren Leib und lösten sich wie zwei Schärpen. Die Form ihres Körpers war von überraschender Schönheit. – Ach! die glänzende Gestalt, die wie ein leuchtendes Etwas sich selbst im Lichte der Sonne hervorhob . . . Wehe! junges Mädchen, das warst du . . . Erstaunt, berauscht, bezaubert überließ ich mich ganz nur deinem Anblicke. Ich betrachtete dich so oft, daß ich plötzlich vor Schrecken schauderte: ich fühlte, daß mein Schicksal mich packte.

(Der Priester, der nur mit Mühe zu athmen vermochte, schwieg wieder einen Augenblick)

Schon halb bezaubert versuchte ich, mich an irgend etwas festzuklammern und in meinem Sturze einzuhalten. Ich erinnerte mich der Schlingen, die mir der Teufel schon gelegt hatte. Das Geschöpf, welches da vor meinen Augen stand, besaß jene übermenschliche Schönheit, welche nur vom Himmel oder aus der Hölle stammen kann. Das da war nicht ein einfaches Mädchen, das aus einem Theilchen unserer Erde gebildet und durch den flackernden Strahl einer Frauenseele ärmlich im Innern erleuchtet wurde: es war ein Engel! aber der Finsternis, der Flamme und nicht dem Lichte entstammend. Im Augenblicke, wo ich das dachte, sah ich eine Ziege neben dir, ein Thier vom Hexensabbath, das mich spöttisch ansah. Die Mittagssonne gab ihm feurige Hörner. Da erkannte ich die Falle des Teufels, und ich zweifelte nicht mehr daran, daß du aus der Hölle kämest, und daß du zu meinem Verderben erschienest. Das glaubte ich.

(Hier sah der Priester der Gefangenen ins Gesicht und fügte im kalten Tone hinzu)

Ich glaube es noch . . . Indessen wirkte der Zauber nach und nach; dein Tanz wirbelte mir im Gehirne; ich fühlte die geheimnisvolle Bezauberung sich in mir vollziehen. Alles, was in mir hätte wach bleiben sollen, schlummerte in meiner Seele ein; und ähnlich wie diejenigen, welche im Schnee sterben, fand ich Entzücken darin, diesen Schlummer herankommen zu sehen. Plötzlich fingst du an zu singen. Was konnte ich da thun, ich Unglücklicher? Dein Gesang war noch bezaubernder, als dein Tanz. Ich wollte fliehen. Es war unmöglich. Ich war festgenagelt, war angewurzelt am Boden. Es kam mir vor, als ob der Marmor des Fußbodens mir bis in die Knien gestiegen wäre. Ich mußte bis zum Ende bleiben. Meine Füße waren von Eis, mein Kopf glühte. Endlich – du hattest vielleicht Mitleid mit mir – hörtest du auf zu singen und gingst davon. Der Abglanz der blendenden Erscheinung, der Nachhall der bezaubernden Musik verschwanden nach und nach aus meinen Augen und meinen Ohren. Da fiel ich starrer und schwächer in die Ecke des Fensters nieder, als eine Bildsäule, die von ihrem Piedestale sinkt. Die Vesperglocke weckte mich. Ich erhob mich, ich entfloh; aber ach! in mir war etwas gefallen, was sich nicht wieder erheben, etwas plötzlich über mich gekommen, dem ich nicht entfliehen konnte.

(Er machte wieder eine Pause)

Ja, von diesem Tage an war ein Mensch in mir, den ich nicht kannte. Ich wollte alle meine Heilmittel anwenden: das Kloster, den Altar, die Arbeit, die Bücher. Thorheiten! ach! wie hohl klingt die Wissenschaft, wenn man voll Verzweiflung, den Kopf voll Leidenschaften, bei ihr anzuklopfen kommt! Weißt du, junges Mädchen, was ich von Stunde an immer zwischen mir und dem Buche sah? Dich, deinen Schatten, das Bild der leuchtenden Erscheinung, welche eines Tages den Raum vor mir durchschritten hatte. Aber das Bild hatte nicht mehr dieselbe Farbenpracht; düster war es, traurig, finster wie der schwarze Kreis, der lange das Gesicht des Thörichten verfolgt, welcher starr in die Sonne geblickt hat.
Weil ich mich nicht davon losmachen konnte, weil ich stets deinen Gesang in meinem Kopfe summen hörte, immer deine Füße auf meinem Brevier herumtanzen sah, stets des Nachts, im Traume, deine Gestalt über meinen Leib gleiten fühlte, so wollte ich dich wiedersehen, dich berühren, wissen, wer du wärest, sehen ob ich dich wohl dem idealen Bilde ähnlich finden möchte, das mir von dir geblieben war, vielleicht mein Traumbild durch die Wirklichkeit vernichten. In jedem Falle hoffte ich, daß ein neuer Eindruck den ersten verwischen würde, und der erste war mir unerträglich geworden. Ich sah dich wieder. Wehe mir Unglücklichen! Als ich dich zweimal gesehen hatte, wollte ich dich tausendmal, wollte ich dich immer sehen. Von da an . . . wie einhalten auf diesem Abhange zur Hölle? . . . von da an gehörte ich nicht mehr mir an. Das andere Ende des Fadens, den der Teufel mir um die Flügel gewunden, hatte er an sein Bein geknotet. Ich wurde flüchtig und herumirrend, wie du. Ich erwartete dich unter den Vorhallen, ich erspähte dich an den Ecken der Straßen, ich lauerte dir von der Spitze meines Thurmes auf. Jeden Abend kehrte ich entzückter, verzweifelter, behexter und verlorener zu mir selbst zurück!