EVA in «Das Tagebuch von Adam und Eva» II.

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Evas Tagebuch

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EVA: Wenn ich zurückschaue, kommt mir der Garten Eden wie ein Traum vor. Er war schön, über die Maßen schön, bezaubernd schön; jetzt ist er verloren, und ich werde ihn niemals wiedersehen. Der Garten Eden ist verloren, aber ich habe "ihn" gefunden und bin zufrieden. Er liebt mich, so gut er eben kann; ich liebe ihn mit der ganzen Kraft meines leidenschaftlichen Wesens, und ich glaube, das entspricht meiner Jugend und meinem Geschlecht. Frage ich mich, warum ich ihn liebe, dann stelle ich fest, dass ich das nicht weiß und mich wahrlich nicht viel darum kümmere, dies zu wissen; daher vermute ich, dass diese Art der Liebe nicht ein Ergebnis von vernünftigen Folgerungen und wissenschaftlichen Erwägungen darstellt, wie dies bei der Liebe zu anderen Reptilien und Tieren der Fall ist. Und so muss es wohl auch sein. Bestimmte Vögel liebe ich wegen ihres Gesanges; aber Adam liebe ich nicht dank seiner Singerei. Nein, keineswegs. Je mehr er singt, um so weniger kann ich mich damit befreunden. Dennoch fordere ich ihn zum Singen auf, weil ich alles lieben lernen möchte, womit er sich beschäftigt. Ich kann das gewiss lernen, denn zuerst konnte ich die Singerei nicht ertragen, aber jetzt ist mir dies möglich. Die Milch wird sauer davon, aber das schadet nichts, ich kann mich an saure Milch gewöhnen. Ich liebe ihn nicht wegen seiner geistigen Lebendigkeit. Nein, keineswegs. Er ist nicht zu tadeln, dass er nicht soviel davon besitzt, denn er hat sie nicht selber erschaffen; er ist, wie Gott ihn erschaffen hat, und das genügt. Darin lag weise Absicht, dessen bin ich gewiss. Mit der Zeit werden sich seine geistigen Fähigkeiten entfalten, aber nicht so schnell; übrigens besteht kein Grund zur Eile; er ist gut genug, wie er ist. Ich liebe ihn nicht wegen seines höflichen, rücksichtsvollen Benehmens und seines Zartgefühls. Nein, in dieser Hinsicht hat er mancherlei Mängel. Aber er ist gerade noch gut genug und bessert sich. Ich liebe ihn nicht wegen seines Fleißes. Nein, keineswegs. Ich glaube, er hat ihn in sich, und ich weiß nicht, warum er ihn vor mir verheimlicht. Das ist mein einziger Kummer. Sonst ist er jetzt offen und aufrichtig zu mir. Ich bin überzeugt, dass er mir nichts verhehlt als dieses eine. Es betrübt mich, dass er ein Geheimnis vor mir haben sollte, und es raubt mir manchmal den Schlaf, wenn ich daran denke; aber ich will es mir aus dem Kopf schlagen, es soll mein Glück nicht stören, das andererseits zum Überströmen groß ist. Ich liebe ihn nicht wegen seiner Bildung. Nein, keineswegs. Er hat sich selbst gebildet und weiß tatsächlich eine Menge Dinge, die nur alle nicht ganz stimmen. Ich liebe ihn nicht wegen seiner Ritterlichkeit. Nein, keineswegs. Er hat mich verpetzt, aber ich werfe ihm das nicht vor; ich glaube, das ist eine Eigenheit seines Geschlechts, und er hat sein Geschlecht nicht selbst geschaffen. Natürlich hätte ich ihn nicht verraten, lieber hätte ich mich zugrunde gerichtet; aber das ist wohl auch eine Eigenheit des Geschlechts, und ich bilde mir nichts darauf ein, denn ich habe mein Geschlecht nicht selbst geschaffen. Warum liebe ich ihn dann? Wohl nur, weil er ein Mann ist. Im Grunde ist er gut, und darum liebe ich ihn; aber ich könnte ihn auch ohne dies lieben. Würde er mich schlagen und beschimpfen, ich würde ihn weiter lieben. Das weiß ich. Das liegt wohl am Geschlecht. Er ist so stark und schön, darum liebe ich ihn, bewundere ihn und bin stolz auf ihn, aber ich könnte ihn auch ohne diese Eigenschaften lieben. Wäre er unansehnlich, würde ich ihn lieben, würde für ihn arbeiten, mich für ihn abschinden, für ihn beten und an seinem Bett wachen bis zu seinem Tode. Ja, ich glaube, ich liebe ihn nur, weil er mein und ein Mann ist. Vermutlich gibt es keinen anderen Grund. Also ist es wohl so, wie ich anfangs sagte, diese Art Liebe ist nicht ein Ergebnis von vernünftigen Folgerungen und wissenschaftlichen Erwägungen. Sie kommt eben - niemand weiß, woher - und lässt sich nicht erklären. Und bedarf auch keiner Erklärung. So denke ich. Aber ich bin nur ein Mädchen, dazu das erste, das diese Sache erprobt hat, und vielleicht stellt sich heraus, dass ich sie in meiner Unwissenheit und Unerfahrenheit nicht richtig erfasst habe.