EVA in «Das Tagebuch von Adam und Eva» I.

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Evas Tagebuch

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EVA: Wir kommen jetzt in der Tat sehr gut miteinander voran und lernen uns besser kennen. Er versucht nicht im mindesten mehr, mich zu meiden, was ein gutes Zeichen ist und beweist, dass er mich gern bei sich hat. Das freut mich, und ich bemühe mich, ihm in jeder erdenklichen Weise nützlich zu sein, um in seiner Achtung noch zu steigen. Während der letzten ein, zwei Tage habe ich ihm die ganze Arbeit, die Dinge zu benennen, abgenommen. Da er in dieser Hinsicht keine Begabung besitzt, ist das eine große Erleichterung für ihn gewesen, und er ist offensichtlich sehr dankbar dafür. Er kann sich keinen vernünftigen Namen im rechten Augenblick ausdenken, aber ich lasse ihn nicht merken, dass ich dieser Schwäche gewahr geworden bin. Sobald ein neues Geschöpf auftaucht, benenne ich es, bevor er Zeit findet, sich durch unbeholfenes Schweigen bloß zustellen. Auf diese Weise habe ich ihm viele Verlegenheiten erspart. Ich selbst leide nicht an dieser Unfähigkeit. Sobald mein Blick auf ein Tier fällt, weiß ich, was es für eins ist. Ich brauche mich nicht einen Augenblick zu besinnen, der richtige Name stellt sich sofort ein, gerade als ob er eine Eingebung wäre, was er zweifellos auch ist, denn ich bin mir sicher, dass er sich eine halbe Minute früher noch nicht in meinem Kopf befand. Mir scheint, ich erkenne genau an der Gestalt und am Verhalten eines Geschöpfes, was für ein Tier es ist. Als der Dodo des Wegs kam, hielt er ihn für eine Wildkatze. Das las ich an seinen Augen ab. Aber ich half ihm aus der Klemme. Und ich war darauf bedacht, es nicht in einer Weise zu tun, die seinen Stolz verletzen konnte. Ich sprach im ganz natürlichen Tonfall freudiger Überraschung und nicht etwa so, als ob ich mir einbildete, eine Belehrung zu erteilen. Ich rief: "Ei, fürwahr, soll das vielleicht kein Dodo sein!" Ohne dass es nach einer Erklärung aussah, erklärte ich, wie ich ihn als Dodo erkannte. Obwohl ich fühlte, dass es ihn vielleicht ein wenig kränkte, weil ich ein Geschöpf kannte, während er es nicht kannte, so war doch ganz offensichtlich, dass er mich bewunderte. Das behagte mir sehr, und ehe ich einschlief, dachte ich mehr als einmal mit Befriedigung daran. Wie wenig genügt, uns glücklich zu machen, wenn wir fühlen, dass wir es verdient haben!