WOJNIZKI (ONKEL WANJA) in «Onkel Wanja» II.

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1. Aufzug

Wojnizki allein (Helena Andrejewna ärgerlich ab)

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WOJNIZKI: Sie ist fort. (Pause) Vor zehn Jahren hab' ich sie bei meiner verstorbenen Schwester getroffen. Damals war sie siebzehn und ich siebenunddreißig. Warum hab' ich mich damals nicht in sie verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht? Die Sache lag doch so nahe! Dann wäre sie jetzt meine Frau … Ja! … Das Gewitter hätte uns beide aus dem Schlafe geweckt – sie wäre ganz erschrocken von dem Donner, und ich würde sie in meinen Armen halten und ihr zuflüstern: »Fürchte dich nicht, ich bin ja da!« O wunderbarer Gedanke – wie herrlich, ich lächle sogar! Doch, mein Gott, ich glaube – es ist nicht mehr ganz klar in meinem Kopfe … Warum muß ich schon so alt sein? Warum will sie mich nicht verstehen? Ihre Rhetorik, ihre flaue Moral, ihre trägen Gedanken über das Zugrundegehen der Welt - das alles ist mir in der Seele zuwider. Pause. O, wie bin ich betrogen! Ich habe diesen Professor, diesen jämmerlichen Podagristen, vergöttert. Ich habe für ihn wie ein Ochse gearbeitet. Ich habe mit Sonja zusammen den letzten Saft aus diesem Gute herausgepreßt. Wie die Hökerweiber haben wir mit Rüböl, mit Erbsen, mit Käse gehandelt und haben uns selber nicht satt gegessen, um nur aus lauter Groschen und Kopeken Tausende aufzuhäufen und ihm zu schicken. Ich war stolz auf ihn und auf seine Wissenschaft, ich lebte, ich atmete durch ihn. Alles, was er schrieb und dozierte, erschien mir genial … Herr Gott – und jetzt? Jetzt ist er pensioniert und nun sieht man erst das Fazit seines Lebens: nicht ein einziges Blatt wird dauernd bleiben von all seinem Wirken, er ist ein Unbekannter, ein Nichts! Eine Seifenblase! Und ich bin betrogen …