HEINRICH in «Der arme Heinrich» II.

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4. Akt 

Heinrich allein. 

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HEINRICH: (schleppt sich bis an die Stufen des Altars und stürzt darauf wie ein Schutz flehender nieder. Aus seinem Innern ringen sich keuchend abgerissene, verzweifelte Worte)
Beten! ich kann nicht! Gott,
gib mir doch Worte! warum gibst du mir
nicht deine Worte, daß ich beten kann?
Tränen! gib mir doch Tränen! gib mir Wasser,
daß ich die giftig stechenden Flammenzungen
im Schutt der ausgebrannten Trümmerstätte
auslöschen kann! – Töte mich! töte mich!
Du hast mich hinterlistig fortgelockt –
ein boshaft schlauer Jäger – von dem Rande
des stillen, weiten, tiefen, kühlen Sees,
da ich mich eben, einem Biber gleich,
anschickte, in den kalten Grund zu tauchen,
wo nichts mehr brennt. Lösche mich! lösche mich aus!
Lösch alle Qual des Lichts im schwarzen Schoß
der Finsternis. Wecke mich nie mehr! Denn
die Sonne martert mich mit giftigen Pfeilen.
Schlaf! gib mir Schlaf! mein Bett ist nicht ein Bett,
die Schlangen der Sonne rasen mir im Haupt
nachts: rette mich vor dem furchtbaren Lichte! –
Was säest du Haß? Was hast du Blindgeborene
wie Hagel auf das Erdreich ausgeschüttet,
die sich zerfleischen müssen? Warum nährst
du mit der Milch des Grams uns? Warum leiden wir
in diesen Sonnenflammen kläglich Pein,
ohn' einen Tropfen Kühlung? Gott, vergiß . . .
vergiß mich wahrhaft! Denk, ich sei nichts wert:
kein Baustein deines blutgetünchten Baus!
Auf blutigem Grunde und mit blutigem Mörtel
gebunden, dehnt er qualvoll sich empor
voll grausigen Lebens, das mich schaudern macht.
Vergiß mich, ungeheurer Bauherr! Was verschlägt's,
wenn dir ein Staubkorn mangelt? wenn du mich
von Qual und von Erlösung freigibst, mich
entläßt, verstößt vom Werk: aus Fron und Lohn?!