TSCHEBUTYKIN in «Drei Schwestern»

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3. Akt, 3. Auftritt

Tschebutykin; Olga und Natascha (im Hintergrunde), Kulygin (anfangs nicht sichtbar); bald darauf Irina, Werschinin und Tusenbach; später Mascha.

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TSCHEBUTYKIN: (finster) Der Teufel soll sie alle holen … Denken, ich bin ein Doctor und versteh' mich auf Krankheiten … Und dabei hab' ich gar keine Ahnung, hab' alles vergessen, was ich wußte. Nichts weiß ich mehr, nicht das Geringste. 

Olga und Natascha entfernen sich, ohne daß er es bemerkt

Der Teufel soll's holen. Vorige Woche hab' ich drüben auf dem Eisenwerk eine Frau kuriert – natürlich ist sie gestorben, und ich bin schuld daran, daß sie gestorben ist, ja … Vor fünfundzwanzig Jahren, da wußte ich wohl so Einiges, aber jetzt habe ich nicht 'nen Schimmer mehr, nicht 'nen blassen Schimmer. Wer weiß, vielleicht bin ich überhaupt kein Mensch, sondern stell' mich nur so, als ob ich Kopf, Arme und Beine hätte; vielleicht existier' ich gar nicht, vielleicht scheint's nur so, daß ich herumgehe, esse und schlafe. 

(Weint) O, wenn ich doch gar nicht existierte! 

(Hört auf zu weinen, finster) Weiß der Teufel … Vorgestern unterhielten sie sich im Club; von Shakespeare und Voltaire redeten sie. Ich hab' nicht 'ne Zeile von beiden gelesen, und doch mußte ich so thun, als ob ich sie gelesen hätte. Und die andern machen es ganz ebenso wie ich. Wie abgeschmackt! Wie gemein! Und diese Frau, die ich am Mittwoch ins Jenseits befördert habe – auch die fiel mir ein … Alles, alles fiel mir ein, und es wurde mir so scheußlich, so widerlich, so katzenjämmerlich zu Mute … Na, und da ging ich hin – und betrank mich …

Irina, Werschinin und Tusenbach treten ein; letzterer trägt einen modernen Civilanzug.