SAPPHO in «Sappho» I.

    3. Aufzug, 1. Auftritt  

    Freie Gegend. Phaon liegt schlummernd auf der Rasenbank. Sappho kommt aus der Grotte.

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    SAPPHO:
    Es ist umsonst! Weit schwärmen die Gedanken
    Und kehren ohne Ladung mir zurück!
    Was ich auch tue, was ich auch beginne,
    Doch steht mir jenes tiefverhaßte Bild,
    Dem ich entfliehen möchte, wär' es auch
    Weit über dieser Erde dunkle Grenzen,
    Mit frischen Farben vor der heißen Stirn!
    Wie er sie hielt! Wie sie sein Arm umschlang!
    Und nun, dem Drange weichend hingegeben
    Auf seinen Mund sie – fort! ich will's nicht denken!
    Schon der Gedanke tötet tausendfach! –
    Doch bin ich denn nicht töricht mich zu quälen
    Und zu beklagen was wohl gar nicht ist.
    Wer weiß welch leichtverwischter, flücht'ger Eindruck,
    Welch launenvolles Nichts ihn an sie zog,
    Das, schnell entschwunden so wie schnell geboren,
    Der Vorwurf wie der Vorsatz nicht erreicht?
    Wer heißt den Maßstab denn für sein Gefühl
    In dieser tiefbewegten Brust mich suchen?
    Nach Frauenglut mißt Männerliebe nicht
    Wer Liebe kennt und Leben, Mann und Frau!
    Gar wechselnd ist des Mannes rascher Sinn,
    Dem Leben untertan, dem wechselnden.
    Frei tritt er in des Daseins offne Bahn,
    Vom Morgenrot der Hoffnung rings umflossen,
    Mit Mut und Stärke wie mit Schild und Schwert
    Zum ruhmbekränzten Kampfe ausgerüstet.
    Zu eng dünkt ihm des Innern stille Welt,
    Nach außen geht sein rastlos wildes Streben,
    Und findet er die Lieb', bückt er sich wohl,
    Das holde Blümchen von dem Grund zu lesen,
    Besieht es, freut sich sein und steckt's dann kalt
    Zu andern Siegeszeichen auf den Helm.
    Er kennet nicht die stille, mächt'ge Glut
    Die Liebe weckt in eines Weibes Busen!
    Wie all ihr Sein, ihr Denken und Begehren,
    Um diesen einz'gen Punkt sich einzig dreht,
    Wie alle Wünsche, jungen Vögeln gleich,
    Die angstvoll ihrer Mutter Nest umflattern,
    Die Liebe, ihre Wiege und ihr Grab
    Mit furchtsamer Beklemmung schüchtern hüten;
    Das ganze Leben als ein Edelstein
    Am Halse hängt der neugebornen Liebe!
    Er liebt, allein in seinem weiten Busen
    Ist noch für andres Raum als bloß für Liebe!
    Und manches was dem Weibe Frevel dünkt
    Erlaubt er sich als Scherz und freie Lust.
    Ein Kuß, wo er ihm immer auch begegnet,
    Stets glaubt er sich berechtigt ihn zu nehmen.
    Wohl schlimm, daß es so ist, doch ist es so!
    (Sich umwendend und Phaon erblickend.)
    Ha sieh dort in des Rosenbusches Schatten –
    Er ist es, ja, der liebliche Verräter!
    Er schläft, und Ruh' und stille Heiterkeit
    Hat weich auf seine Stirne sich gelagert.
    So atmet nur der Unschuld frommer Schlummer,
    So hebt sich nur die unbeladne Brust.
    Ja Teurer, deinem Schlummer will ich glauben,
    Was auch dein Wachen Schlimmes mir erzählt.
    Verzeihe wenn im ersten Augenblicke,
    Geliebter mit Verdacht ich dich gekränkt,
    Wenn ich geglaubt, es könne niedre Falschheit,
    Den Eingang finden in so reinen Tempel!
    Er lächelt, – seine Lippen öffnen sich –
    Ein Name scheint in ihrem Hauch zu schweben.
    Wach auf, und nenne wachend deine Sappho,
    Die dich umschlingt. Wach auf!
    (Sie küßt ihn auf die Stirne.)


       

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