NINA in «Die Möwe» II.

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4. Aufzug

Nina und Treplew 

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NINA: Warum sagen Sie, daß Sie die Erde geküßt haben, auf der ich gewandelt bin? Man sollte mich töten. (Neigt sich über den Tisch.) Ich bin so müde! Ausruhen möchte ich. Ausruhen! (Erhebt den Kopf.) Ich bin eine Möwe … Nein … Nicht das. Ich bin eine Schauspielerin. Nun ja. (Hört Arkadina und Trigorin lachen, horcht, stürzt zur linken Tür und blickt durch das Schlüsselloch.) Und auch er ist hier … (Kehrt zu Treplew zurück.) Nun ja … Tut nichts … Ja. Er glaubte nicht an das Theater, machte sich immer über meine Träume lustig, und nach und nach hörte auch ich auf zu glauben und verlor den Mut … Und dann der Liebeskummer, die ewige Eifersucht, die ewige Angst um das Kleine … Ich wurde so klein, so jämmerlich … spielte ganz sinnlos … Ich wußte nicht, wohin mit den Händen, konnte auf der Bühne nicht stehen, meine Stimme nicht beherrschen. Sie kennen diesen Zustand nicht, dieses Gefühl, daß man ganz abscheulich spielt. Ich bin eine Möwe. Nein, nicht das … Erinnern Sie sich noch? Sie haben damals eine Möwe geschossen. »Zufällig kam da ein Mensch, sah sie, und weil er nichts Besseres zu tun hatte, vernichtete er ihr Leben.« Ein Stoff für eine kleine Erzählung … Nein, nicht das … (Reibt sich die Stirn.) Wovon sprach ich? Ja, von der Bühne. Jetzt bin ich nicht mehr so. Jetzt bin ich schon eine richtige Schauspielerin, ich spiele mit Lust, mit Begeisterung, bin auf der Bühne wie berauscht und fühle mich schön. Und jetzt, solange ich hier bin, gehe ich den ganzen Tag herum, geh' herum und fühle, wie meine seelischen Kräfte wachsen. Ich weiß es jetzt, Kostja, ich verstehe es, daß bei unserer Arbeit, gleichviel, ob wir Theater spielen oder schriftstellern, nicht der Ruhm, nicht der Glanz, nicht das, wovon ich träumte, die Hauptsache ist, sondern die Fähigkeit zu dulden. Lerne dein Kreuz tragen, und glaube! Ich glaube, und das lindert meinen Schmerz, und wenn ich an meinen Beruf denke, so habe ich keine Angst mehr vor dem Leben. [...] Ich gehe. Leben Sie wohl. Wenn ich eine große Schauspielerin geworden bin, kommen Sie doch, um mich zu sehen. Versprechen Sie's. Aber jetzt … drückt ihm die Hand. Es ist schon spät. Ich halte mich kaum auf den Beinen … ich bin erschöpft … ich habe Hunger … [...] Nein, nein … Begleiten Sie mich nicht … Mein Wagen wartet in der Nähe … Sie hat ihn also mitgebracht … Nun, es ist ja gleich. Wenn Sie Trigorin sehen, sagen sie ihm nichts … Ich liebe ihn. Ich liebe ihn, sogar stärker noch als früher … Ein Stoff für eine kleine Erzählung … Ich liebe, liebe ihn leidenschaftlich, bis zur Verzweiflung. Wie schön war's doch früher, Kostja! Wissen Sie noch? Was für ein helles, warmes, freudiges, reines Leben welche Gefühle – Gefühle, die zarten graziösen Blumen glichen, wissen Sie noch? Sie trägt vor. »Menschen, Löwen, Adler und Feldhühner, geweihtragende Hirsche, Gänse, Spinnen, schweigsame Fische, die im Wasser wohnten, Seesterne und all die Wesen, die dem Auge nicht sichtbar waren, mit einem Wort: alles Leben, alles Leben ist erloschen, nachdem es seinen traurigen Kreislauf vollendet hat … Seit vielen tausend Äonen bereits trägt die Erde nicht ein Lebewesen mehr, und dieser arme Mond läßt sein Licht vergeblich erstrahlen. Nicht mehr erwachen auf der Wiese mit Geschrei die Kraniche, nicht mehr hört man die Maikäfer schwirren in den Lindenhainen.«

Sie umarmt heftig Treplew und stürzt durch die Glastür hinaus.