HELENA ANDREJEWNA in «Onkel Wanja»

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3. Aufzug

Helena Andrejewna allein  

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HELENA ANDREJEWNA: Es gibt nichts Peinlicheres, als ein fremdes Geheimnis zu wissen und doch nicht helfen zu können. (Nachdenklich) Er ist in sie nicht verliebt, das ist klar - aber weshalb sollte er sie nicht heiraten? Sie ist nicht hübsch, doch für einen Landarzt, noch dazu in seinen Jahren, wäre sie eine prächtige Frau. Sie ist klug, gut, keusch … nein, nein … das geht nicht, das geht nicht … Pause. Ich kann das arme Mädchen wohl begreifen. Mitten in dieser verzweifelten Langenweile, wo ihr statt wirklicher, lebendiger Menschen immer nur eine Art graue Flecke begegnen, wo sie nichts als Gemeinheiten hört, wo man sich nur mit Essen, Trinken, Schlafen beschäftigt, taucht ab und zu ein Mensch auf, der den andern nicht gleicht, ein hübscher, interessanter, einnehmender Mann, – wie der helle Mond im nächtlichen Dunkel. sich dem Zauber eines solchen Menschen hinzugeben, ganz im selbstvergessen … es scheint fast, ich selbst hab' mich ein wenig hinreißen lassen. Jawohl, ich langweile mich ohne ihn … ich lächle, wenn ich an ihn denke … Dieser Onkel Wanja sagt, in meinen Adern fließe Nixenblut … »Leben Sie sich einmal im Leben frei aus« … Nun, vielleicht wär' dies das Richtige … Frei wie ein Vogel davonfliegen, fort von euch allen, eure verschlafenen Gesichter nicht mehr sehen, euer Geschwätz nicht mehr hören, überhaupt vergessen, daß ihr alle auf der Welt existiert … Aber ich bin zu feig dazu, zu zimperlich … Da kommt er nun alle Tage her, und ich errate, weshalb er kommt – und schon fühle ich mich schuldig, bin bereit, vor Sonja in die Knie zu sinken, um Verzeihung zu bitten, zu weinen … 

Astrow tritt ein, mit einer Kartenzeichnung.