KLYTAIMESTRA in «Die Orestie: Agamemnon» III.

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4. Akt

Klytaimestra mit dem Chor. 

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KLYTAIMESTRA:
(hinter ihr unter roten Decken Agamemnons und Kassandras Leichen)
 
Mich prüfen wollt ihr als ein unbesonnen Weib!
Ich aber sag euch sonder Furcht, was jeder selbst
Hier sieht – ob loben du, ob du mich tadeln willst,
Mir gilt es gleich: hier liegt Agamemnon, mein Gemahl,
Und zwar als Leichnam, dieser meiner rechten Hand,
Des gerechten Schlächters, Meisterstück! So steht es jetzt.
[...] Nun sagst du mir mein Urteil, aus der Stadt zu ziehn,
Dem Volk ein Scheusal, von der Bürger Fluch verfolgt;
Und hattest doch gar nichts zu sagen wider den,
Der ohne weitres, gleich als wär es nur ein Lamm,
Wie viele seiner reichen Herden Pracht ihm bot,
Sein eigen Kind doch, meines Schoßes liebste Frucht,
Ließ schlachten, thrakische Winde zu beschwichtigen.
Und mußtest den du nicht verjagen aus dem Land,
Den ungestraften Frevler? Nun, da du vernimmst,
Was ich getan, bist du ein harter Richter. Doch
Ich sag dir, und gerüstet bin ich, so zu drohn:
In gleicher Art magst du mich, wenn du mich besiegst,
Beherrschen; aber wenn ein Gott es anders fügt,
So sollst du spät mir lernen, was verständig ist.
[...] Vernimm denn diesen meiner Schwüre heiligsten:
So wahr mir Dike, meines Kindes Rächerin,
Mir Ate und Erinnys, der ich ihn erschlug,
Mag helfen, niemals hoff ich mich dem Haus der Furcht
Zu nahn, solang auf meinem Herd das Feuer noch
Aigisthos anschürt, wie bisher mir treugesinnt;
Der wahrlich ist uns kein geringer Schild des Muts. –
Da liegt er tot, der mein, des Weibes, Recht zertrat,
Der Chryseiden Augenlust vor Ilion;
Tot da die Lanzenbeute, Wunderseherin,
Genossin seiner Nächte, Zukunftdeuterin,
Die treue Buhle, die bei Ruderbank und Mast
Mit ihm umherlag; trieben's doch nicht ungestraft!
Da liegt er tot; und sie, die einem Schwane gleich
Sich noch ein letztes Sterbelied gesungen hat,
Tot neben ihrem Liebsten; meinen Nächten ist's
Der süßen Wollust eine neue Würze mehr!