Knochenarbeit oder Der Tod und die Mädchen

Bewertung und Kritik zu

KNOCHENARBEIT oder DER TOD UND DIE MÄDCHEN 
von Vanessa Stern
Premiere (Online): 26. Juni 2021
Nationaltheater Mannheim 

Zum Inhalt: Drei Maden haben es satt. Sie wollen auch mitmischen in der postindustriellen Ökonomie der Anreicherung von Waren mit Geschichten und Traditionen. Schließlich wissen sie Bescheid und haben sich nicht nur jahrelang mit Friedrich Schiller auseinandergesetzt, sondern ihn auch zersetzt, bis auf die Knochen. Ihnen würde niemals eine Verwechslung von Schillers Schädel mit dem einer alten, buckligen Hofdame unterlaufen! Das Problem ist nur: keiner sieht sie, keiner hört sie, keiner gibt ihnen eine Bühne – also schreiben sie selbst einen Projektantrag, der Hand und Fuß hat, und schreib erst mal einen Projektantrag, wenn Du eine Made bist! Da muss man sich Hand und Fuß erst mal erarbeiten! 200 Jahre lang sind sie jeden Buchstaben mit Tinte auf ihren Leibern einzeln abgekrochen. Aber es hat sich gelohnt. Jetzt sind sie hier!

Mit: Ursula Renneke, Vanessa Stern, Ruth Mader

Regie: Vanessa Stern
Bühne: Eike Böttcher
Kostüme: Jane Saks
Dramaturgie und Kamera: Dietmar Schmidt
Regieassistenz: Judith Anna Müller
Kamera- und Tonassistenz: Helena Kontoudakis
Sound: Robin Plenio
Licht: Maika Knoblich
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann


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Drei Maden frotzeln über Schiller-Kult
  · 27.06.21
Das Trio zieht vor allem den Genie-Kult um die beiden Weimarer Dichterfürsten Schiller und Goethe durch den Kakao und macht sich über all die Anekdoten und Legenden lustig, die sich um Schillers Schädel ranken. Ein gefundenes Fressen für das Comedy-Trio ist auch die Phrenologie, die Lehre von der Seelenkunde: Goethe, Schiller und ihre Zeitgenossen versuchten für jedes Gefühl und jede Stimmungslage ein bestimmtes Hirn-Areal zu lokalisieren. Aber „Schilli“, wie ihn Selfmade, Handmade und Deprimade frotzelnd nennen, bietet heute keine Inspiration mehr.

Dementsprechend schweifen sie auch lieber ab: in einer Szene machen sie sich über den Druck auf die Künstlerinnen bei der Programmheft-Produktion des Festivals lustig, sticheln gegen überteuerte Hotel-Raten oder landen bei ihrer Reise durch die Jahrhunderte auch mal bei Shakespeare oder dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die launige Tour der Maden ist durchaus unterhaltsam, hat aber auch einige Längen im Mittelteil. Eine komprimierte Halb-Stunden-Fassung hätte „Knochenarbeit“ noch stärker gemacht.

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