Wounds Are Forever (Selbstporträt als Nationaldichterin)

Bewertung und Kritik zu

WOUNDS ARE FOREVER (SELBSTPORTRÄT ALS NATIONALDICHTERIN) 
von Sivan Ben Yishai
Regie: Marie Bues 
Premiere: 23. Juni 2021 
Online-Premiere: 24. Juni 2021 
Nationaltheater Mannheim
Berlin-Premiere: 8. Juni 2022
Deutsches Theater Berlin 

Berliner Autor:innentheatertage (2022) 

Zum Inhalt: Die Reise – oder nein: der Ritt beginnt an einer Straßenecke in Jaffa, Tel-Aviv. Das Jahr: 2014, die Zeit: vier Uhr morgens, die Heldin: Sivan Ben Yishai – Moment mal: Sivan? Die Autorin Sivan Ben Yishai? Ja, genau die. Die ehemalige Hausautorin Sivan Ben Yishai. Auf dem Rücken einer Deutschen Schäferhündin reitet sie durch Raum und Zeit, durch die Abgründe, Verstrickungen und Verbrechen der deutsch-israelisch-palästinensischen Geschichte. Von Jaffa 2014 ins Jahr 1938 in Deutschland, von Kuba an die russische Front, von Slowenien nach Mailand, durch das Mittelmeer nach Palästina. Von der Autorin verwandelt sie sich in eine Holocaustüberlebende, in eine sowjetische Partisanin, in eine Asylsuchende unter Wasser, in eine überzeugte Zionistin, in eine von Kopf bis Fuß bandagierte, mit Orden und Waffen behängte Kriegerin; Opfer und Täterin zugleich, Anklagende und Angeklagte, über allem stehend und mit allem verstrickt. Ihr zur Seite stehen ihr die Schäferhündin, eine tote, klagende Klezmerin und ein Kaleidoskop von Stimmen, Erfahrungen und widersprechende Perspektiven, die ihre Geschichte miterzählen. »Wounds Are Forever« ist Spurensuche und Selbstbefragung zugleich; das Offenlegen der individuellen Wunden macht die kollektiven Wunden sichtbar. Brutal, komisch, rasant und politisch schreibt sich Sivan Ben Yishai das 20. und 21. Jahrhundert auf den eigenen Körper. Nach der Uraufführung ihres Stückes »Liebe / Eine argumentative Übung« ist dies ihre zweite Arbeit für das Supranationaltheater Frauheim, dessen Hausautorin sie in der Spielzeit 2019/20 war.

Mit: Tala Al-Deen, Samuel Koch, Nicolas Fethi Türksever, Rona Geffen, Patrick Schnicke, Sarah Zastrau, Sivan Ben Yishai

Regie: Marie Bues
Bühne: Shahrzad Rahmani
Kostüme: Moran Sanderovich
Autorin: Sivan Ben Yishai
Video: Timo Kleinemeier / Christoph Schmitz
Musik: Rona Geffen
Licht: Ronny Bergmann
Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Wounds Are Forever von Sivan Ben Yishai
  · 10.06.22
''Drastik und Ironie sind das Markenzeichen der Texte von Sivan Ben Yishai. Hier reist sie als eine Art jüdische Superheldin durch die jüdische Gewaltgeschichte gekennzeichnet von Antisemitismus, Krieg, Flucht, Vernichtung und Vertreibung. Die fiktive Ben Yishai flieht mit Exil-Juden über den Atlantik nach Amerika. Nachdem die Flüchtlinge nicht aufgenommen werden, muss das Schiff wieder nach Europa zurückkehren. Die Autorin schließt sich den Partisanen-Hexen im Krieg gegen die Wehrmacht an, wird von Hunden zerfleischt und von einer Schäferhündin gerettet. Die Reise geht weiter über Italien durchs Mittelmeer an die Küste von Palästina. Hier verquickt sie die Geschichte der Holocaustüberlebenden mit der des Staates Israel, dem die Autorin wegen des Nahost-Konflikts kritisch gegenüber steht. Die Gründung Israels als „zionistische Antwort auf das jüdische Problem“. Das „binäre Klischee Palästina“ als Übergang des einen zu einem anderen Problem. Bomben auf Gaza in den „Hundstagen“ des Juli 2014. Ben Yishai geht mit der israelischen Politik hart ins Gericht.

Marie Bues inszeniert das als rasantes Abenteuer- und Diskursdrama, das sich ständig reflektierend selbst unterbricht. Moran Sanderovich hat den DarstellerInnen (neben Samuel Koch noch Tala Al-Deen, Nicolas Fethi Türksever, Patrick Schnicke und Sarah Zastrau) körpernahe Overalls angezogen, in denen sie blutrot wie gehäutet aussehen. Ihnen sind Panzer aus geronnenem Blut und Fleischresten gewachsen, und auch ihre Waffen sind aus diesem organisch anmutenden Material. Eine Armee der versehrten Untoten. Dazu performt die Musikerin Rona Geffen an den Turntables einen Soundtrack aus jüdischen/arabischen Klagegesängen und israelischen Popsongs. Ein Parforceritt mit vielen Spannungsmomenten aber auch einigen Längen. Zum Theatertreffen wurde die Inszenierung leider nicht eingeladen. Der Mülheimer Dramatikerpreis für Sivan Ben Yishai ist aber hochverdient.'' schreibt Stefan Bock am 10. Juni 2022 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Galliger Trip durch Gewaltgeschichte
  · 28.06.21
Einen bitterbösen, galligen Text schrieb Sivan Ben Yishai als Auftragswerk für die Schillertage Mannheim. „Wounds are forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)“ bohrt in den Wunden des komplizierten Beziehungsgeflechts aus Gewalt, Traumata und historischer Schuld zwischen Deutschen, Israelis und Palästinensern, verwebt geschickt Privates der 2014 von Jaffa nach Berlin gezogenen Dramatikerin, mit politisch-historischen Krisen.

Regisseurin Marie Bues, die künstlerische Leiterin des koproduzierenden Stuttgarter Theaters Rampe, inszeniert die Uraufführung des Textes in einem Körperwelten-Albtraum. Die Spieler*innen tragen blutrote Kostüme, an denen sich die herausgequollenen Gedärme abzeichnen und die mit Wunden übersät sind. Die israelische Künstlerin Moran Sanderovich, die mit Ben Yishai schon vor einigen Jahren im Gorki Studio zusammenarbeitete, schuf eindrucksvolle Objekte und Kostüme, die den zweistündigen Abend allein schon sehenswert machen.

„Wounds are forever“ ist aber auch ein starker Text. Dass Sivan Ben Yishai eine begabte Autorin ist, hat sie sie ihrer Entdeckung bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin 2017 mehrmals bewiesen. Das neue Stück ist ihr wohl bisher reifstes und gelungenstes Werk.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.