Wounds Are Forever (Selbstporträt als Nationaldichterin)

Bewertung und Kritik zu

WOUNDS ARE FOREVER (SELBSTPORTRÄT ALS NATIONALDICHTERIN) 
von Sivan Ben Yishai
Regie: Marie Bues 
Premiere: 23. Juni 2021 
Online-Premiere: 24. Juni 2021 
Nationaltheater Mannheim 

Zum Inhalt: Die Reise – oder nein: der Ritt beginnt an einer Straßenecke in Jaffa, Tel-Aviv. Das Jahr: 2014, die Zeit: vier Uhr morgens, die Heldin: Sivan Ben Yishai – Moment mal: Sivan? Die Autorin Sivan Ben Yishai? Ja, genau die. Die ehemalige Hausautorin Sivan Ben Yishai. Auf dem Rücken einer Deutschen Schäferhündin reitet sie durch Raum und Zeit, durch die Abgründe, Verstrickungen und Verbrechen der deutsch-israelisch-palästinensischen Geschichte. Von Jaffa 2014 ins Jahr 1938 in Deutschland, von Kuba an die russische Front, von Slowenien nach Mailand, durch das Mittelmeer nach Palästina. Von der Autorin verwandelt sie sich in eine Holocaustüberlebende, in eine sowjetische Partisanin, in eine Asylsuchende unter Wasser, in eine überzeugte Zionistin, in eine von Kopf bis Fuß bandagierte, mit Orden und Waffen behängte Kriegerin; Opfer und Täterin zugleich, Anklagende und Angeklagte, über allem stehend und mit allem verstrickt. Ihr zur Seite stehen ihr die Schäferhündin, eine tote, klagende Klezmerin und ein Kaleidoskop von Stimmen, Erfahrungen und widersprechende Perspektiven, die ihre Geschichte miterzählen. »Wounds Are Forever« ist Spurensuche und Selbstbefragung zugleich; das Offenlegen der individuellen Wunden macht die kollektiven Wunden sichtbar. Brutal, komisch, rasant und politisch schreibt sich Sivan Ben Yishai das 20. und 21. Jahrhundert auf den eigenen Körper. Nach der Uraufführung ihres Stückes »Liebe / Eine argumentative Übung« ist dies ihre zweite Arbeit für das Supranationaltheater Frauheim, dessen Hausautorin sie in der Spielzeit 2019/20 war.

Mit: Tala Al-Deen, Samuel Koch, Nicolas Fethi Türksever, Rona Geffen, Patrick Schnicke, Sarah Zastrau, Sivan Ben Yishai

Regie: Marie Bues
Bühne: Shahrzad Rahmani
Kostüme: Moran Sanderovich
Autorin: Sivan Ben Yishai
Video: Timo Kleinemeier / Christoph Schmitz
Musik: Rona Geffen
Licht: Ronny Bergmann
Dramaturgie: Kerstin Grübmeyer


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Galliger Trip durch Gewaltgeschichte
  · 28.06.21
Einen bitterbösen, galligen Text schrieb Sivan Ben Yishai als Auftragswerk für die Schillertage Mannheim. „Wounds are forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)“ bohrt in den Wunden des komplizierten Beziehungsgeflechts aus Gewalt, Traumata und historischer Schuld zwischen Deutschen, Israelis und Palästinensern, verwebt geschickt Privates der 2014 von Jaffa nach Berlin gezogenen Dramatikerin, mit politisch-historischen Krisen.

Regisseurin Marie Bues, die künstlerische Leiterin des koproduzierenden Stuttgarter Theaters Rampe, inszeniert die Uraufführung des Textes in einem Körperwelten-Albtraum. Die Spieler*innen tragen blutrote Kostüme, an denen sich die herausgequollenen Gedärme abzeichnen und die mit Wunden übersät sind. Die israelische Künstlerin Moran Sanderovich, die mit Ben Yishai schon vor einigen Jahren im Gorki Studio zusammenarbeitete, schuf eindrucksvolle Objekte und Kostüme, die den zweistündigen Abend allein schon sehenswert machen.

„Wounds are forever“ ist aber auch ein starker Text. Dass Sivan Ben Yishai eine begabte Autorin ist, hat sie sie ihrer Entdeckung bei den Autorentheatertagen des Deutschen Theaters Berlin 2017 mehrmals bewiesen. Das neue Stück ist ihr wohl bisher reifstes und gelungenstes Werk.

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