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Bewertung und Kritik zu

BEETHOVEN  
Ein Geisterspiel
Regie: Jan-Christoph Gockel
Premiere: 13./14. Juni 2020  
Staatstheater Mainz

Zum Inhalt: Zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens plante das Staatstheater Mainz ein aufwändiges spartenübergreifendes Projekt, Anfang Mai sollte die Uraufführung im Großen Haus sein. Wegen der Coronapandemie mussten die physischen Proben eingestellt, die Premiere abgesagt werden. Das Theater reagierte schnell, Regisseur Jan-Christoph Gockel und Generalmusikdirektor Hermann Bäumer stellten sich der neuen Herausforderung, gestalteten die Proben um und überarbeiteten das Konzept. Die Theaterleitung ging auf das ZDF und auf 3sat zu und fand so einen starken Kooperationspartner. Gemeinsam entwickelten das Theater und die Verantwortlichen im Sender das Projekt weiter, sodass nun die außergewöhnliche Premiere einer Theatervorstellung für das Fernsehen zu erleben sein wird, die inhaltlich und ästhetisch weit über die gewohnten Streaming-Formate hinausgeht.

Mit: Anika Baumann, Michael Dahmen, Vincent Doddema, Rüdiger Hauffe, Michael Pietsch
Klavier: Fiona Macleod

Musikalische Leitung: Hermann Bäumer
Inszenierung und Fernsehregie: Jan-Christoph Gockel
Redaktion ZDF/3sat: Jule Broda und Dietmar Klumm
Bühne: Julia Kurzweg
Kostüme: Sophie Du Vinage
Puppenbau und -spiel: Michael Pietsch
Dramaturgie: Ina Karr, René Michaelsen und Jörg Vorhaben
Licht: Ulrich Schneider
Chor: Sebastian Hernandez-Laverny


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Im Bunker
  · 16.06.20
''Julia Kurzweg hat eine in sich gezellte und nach oben offene Panoptikumsdrehbühne konstruiert, in deren Wohn- oder Aktionsräumen die Live-Kameraleute von De-Da-Productions zielführende Spannerdienste leisten; selbst der unerfahrenste Theatergänger in und außerhalb von Rheinland-Pfalz wird darin zwingend Castorf'sche Ästhetik schluckaufmäßig mitgeteilt bekommen haben, aber ist total okay so. Rüdiger Hauffe spielt den Beethoven-Biografen Schindler, und als solcher tut er Einiges aus dessen Monografie zitieren, aber auch als "Heutiger" (womöglich gar als Hauffe selbst) steuert er - wie als wäre er in diesem Stück der Conférencier - die einen oder andern Sätze bei.

Desweiteren gibt es Begegnungen und/ oder Monologe, Dialoge mit Anika Baumann als Bettina von Arnim; aus deren Briefen würde man erfahren haben, was mit Beethoven und seinem Frauenbild so alles war, also auch außerhalb seiner ihn nach und nach so furchtbar malträtierenden Ertaubungspein. / Zum Schluss der eine Stunde und zwanzig Minuten währenden TV-Performance tritt die Baumann dann als furchtbar aufgeblasene Europa-Brummsel auf; das war dann übrigens DIE Szene dieser Inszenierung überhaupt, zum Brüllen, denn: Europa sucht im Großen Saal des Staatstheaters Mainz nach ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, fragt immerfort "wo sind die denn?", "wo seid ihr?", "habe euch doch schon so viel gegeben", und dann wirft sie gar mit Euromünzen um sich und bekommt eine Corona-Luft-Attacke, woraufhin Michael Dahmen (als Singende Statue) mit einem Beatmungsgerät vorbei spaziert, und Europa keucht und hechelt, und dann ist sie einfach nicht mehr da; nur noch ihr Riesenblauesumstandskleid sprich die Europa-Flagge bleiben "heil" zurück... Den schauspielernden Vincent Doddema (als Beethoven) beobachtet man schließlich, wie er justament mit seinem Laptop eine Mail an die EU schreibt à la "entziehe ich Ihnen die Rechte an der Ode an die Freude"; wollte sicher sagen: Freude schöner Götterfunken, alles bla-bla-bla?!'' schreibt Andre Sokolowski am 15. Juni 2020 auf KULTURA-EXTRA
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Beethoven-Gedenken im leeren Theater
  · 14.06.20
Jan Christoph Gockel wollte in seinem Stück zum Jubiläumsjahr folgende Fragen behandeln: Wie erinnern wir uns an den 250. Geburtstag eines großen Künstlers? Was ist Mythenbildung? Wo sind blinde Flecken?
Das Projekt drohte im Corona-Lockdown zu platzen. Gemeinsam mit 3sat realisierte das Staatstheater Mainz eine TV-Fassung aus dem leeren Theater. Dadurch rücken ganz andere Fragen in den Vordergrund: Was bedeutet es, ohne Publikum zu spielen?

Daraus entstehen witzige Miniaturen wie das Anrennen gegen die vierte Wand oder das Grübeln des Regisseurs, welches Format das Richtige ist, bis er schließlich alle Beteiligten vor die Tür schickt. Die beiden Ebenen sind nicht immer schlüssig verknüpft, aber es gelingen einige hübsche Momente.

In Erinnerung bleiben vor allem die Trauer der Beethoven-Puppe, die allein durch das leere Haus trippelt, die „Wo sind denn alle?“-Rufe der Frau in Europa-Flagge, die im leeren Raum die Fotos von den Stühlen reißt, die das abwesende Publikum nicht ersetzen können, und die kleinen Anspielungen auf die Black Lives Matter-Bewegung und die Debatte, ob Beethoven schwarz war.
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