Atemschaukel

Bewertung und Kritik zu

ATEMSCHAUKEL 
von Herta Müller
Regie: Bastian Kraft 
Premiere: 22. Oktober 2021 
Schauspiel Köln

Zum Inhalt: »Alles, was ich habe, trage ich bei mir«. So beginnt der Bericht von Leopold Auberg, der am Ende des 2. Weltkriegs als Siebzehnjähriger aus dem rumänischen Siebenbürgen in ein sowjetisches Arbeitslager verschleppt wird. Fünf Jahre verbringt er dort und schließt Bekanntschaft mit Schicksalsgenoss*innen, mit Hunger, Kälte und Knochenarbeit. Am Ende dieser Zeit hat er kaum noch etwas gemeinsam mit dem jungen Mann, der er einmal war und der in der Haft auch eine willkommene Befreiung aus dem engen moralischen Korsett seiner Herkunft sah.
Wortgewaltig und mit eindringlichen Bildern schreibt Herta Müller in ATEMSCHAUKEL vom Kampf, unter unmenschlichen Zuständen ein Mensch zu bleiben und vom Ringen um das eigene Leben in der Fremdbestimmung. Ihr Buch ist das literarische Destillat von Gesprächen mit Betroffenen, insbesondere mit dem Lyriker Oskar Pastior, der als Angehöriger der deutschen Minderheit in Rumänien zur Zwangsarbeit in ein sowjetisches Lager deportiert wurde. Der Regisseur Bastian Kraft bringt Herta Müllers Roman als Uraufführung auf die Bühne des Depot 1. Zuletzt war von ihm in Köln die vielbeachtete Inszenierung von Sartres DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE zu sehen.

Mit: Nikolaus Benda, Stefko Hanushevsky, Justus Maier, Martin Reinke, Katharina Schmalenberg und Birgit Walter

Regie: Bastian Kraft
Bühne: Peter Baur
Kostüme: Jelena Miletić
Video: Jonas Link
Live Kamera: Jonathan Kastl
Musik: Björn Deigner
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Sibylle Dudek


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Aufgefressen vom Hunger, Sozialisation am Nullpunkt
  · 24.10.21
''Verschiedene Charaktere beobachten und erleben Ausbeutung und Diebstahl. Das Leben der Figuren ist geprägt durch Brutalität, schlechte Behandlung und gewohnheitsmäßige Vernachlässigung. Das Individuum ist in der geschilderten Gesellschaft wertlos und austauschbar. Als machtlos erscheinen die Individuen gegenüber einem totalitären und korrupten Regime, das die Arbeiter skrupellos ausbeutet.


Die Aufführung erinnert daran, dass Diktaturen Menschen ihrer Würde berauben. 1953 in Rumänien geboren, gehörte Herta Müller dort viele Jahre zusammen mit ihrer Familie einer deutschen Minderheit an. Als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik wurde sie 1979 nach ihrer Weigerung, mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. Sie ließ sich nicht korrumpieren. Oskar Pastior hingegen wurde unter dem Decknamen „Otto Stein“ IM und Spitzel der Securitate, nachdem er zuvor selbst vier Jahre überwacht wurde. Herta Müller deutet in ihrem Essay „Aber immer geschwiegen“ Pastiors 'Täterakte' zum großen Teil auch als eine 'Opferakte', da in den 50er und 60er Jahren tausende Spitzel unter Haftandrohung zur Mitarbeit bei der Securitate erpresst wurden. Atemschaukel ist auch ein Zeugnis von Müllers gedanklicher Nähe zu Pastiors experimenteller Lyrik. Bastian Krafts nah an der Romanvorlage orientierte Adaptation findet nicht immer stimmige Bilder, hebt aber die existentielle Kraft der Sprache für die Bearbeitung von Traumen eindrücklich hervor.'' schreibt Ansgar Skoda am 24. Oktober 2021 auf KULTURA-EXTRA
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