Faust Gretchen

Bewertung und Kritik zu

FAUST GRETCHEN 
nach Johann Wolfgang Goethe 
Regie: Bert Zander 
Premiere: 25. September 2021 
Staatstheater Kassel

Zum Inhalt: „Meine Ruh ist hin“ – einer der Sätze, die bleiben, wenn man sich den Zitatenschatz aus Goethes Faust vergegenwärtigt. Ein Zitat, das das Dilemma Margaretes, genannt Gretchen, widerspiegelt. Der wohlsituierte Gelehrte Dr. Heinrich Faust hingegen ist in der Sinnkrise, verjüngt durch den Bund mit Mephisto drängt es ihn immer weiter zu weltbewegenden Abenteuern und ganz nebenbei zieht ihn das „Ewig Weibliche“ an. Heinrich ist hin- und hergerissen und sucht den Lärm der Welt. Und Gretchen?
Goethe hat den realen Fall der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt (1771) in Frankfurt verfolgt, parallel entstand sein Urfaust, der die althergebrachte Faust-Geschichte nunmehr um die Gretchentragödie ergänzt. Angesiedelt zwischen sozialer Situation und tragischer Liebesgeschichte erzählt sie das reale, fatale und ausweglose Schicksal einer jungen Frau jener Zeit. Nicht nur Faust und sein Begehren, sondern die gewaltigen Umstände der Zeit bringen Gretchen zu Fall. Frauen wie Gretchen waren meist unausgebildet, unwissend, abhängig und bedroht von Armut und Elend.
Welche Spuren hinterlässt Fausts Vorwärtsdrängen im Leben Gretchens, die in bürgerlichen, aber doch ärmlichen Verhältnissen lebt? Welche Chance hatte sie im Leben und wäre ein sozialer Aufstieg überhaupt möglich gewesen? Eine junge Frau zwischen Begehren, Selbstbehauptung und sozialem Zwang auf der einen Seite und Bürger:innen auf der anderen Seite, die Gretchens Geschichte zu kennen glauben und sie aus ihrer Perspektive nacherzählen.

Mit Emilia Reichenbach als Gretchen

Regie: Bert Zander
Bühne & Kostüme: Lene Schwind
Schnitt: Fabián Barba Hallal
Dramaturgie: Katja Prussas
Mitarbeit Regie: Natascha Zander
Regieassistenz: Lina Gasenzer

TRAILER


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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ironische Dekonstruktion und Emanzipation
  · 22.03.22
Programmatisch ist der „Faust“ im Titel von Bert Zanders theatraler Installation, durchgestrichen. Für das Gretchen, das Emilia Reichenbach verkörpert, ist ihr Faust nur noch eine Stimme aus dem Off. Während die junge Schauspielerin wie auf einem Laufsteg zwischen Video-Leinwänden flaniert, werden die Stimmen von Will Quadflieg und Gustaf Gründgens aus der berühmtesten „Faust“-Theater-Verfilmung eingespielt, die Generationen von Schulklassen aus dem Unterricht kennen.

Doch Goethes Klassiker ist hier nur die Hintergrund-Folie: Kasseler Bürger*innen fassen die Handlung in vielen weiteren Einspielern in ihren eigenen Worten zusammen. Vor allem in der ersten Hälfte der 85 Minuten dominiert die ironisch-dekonstruierende Nacherzählung.

Erst im Lauf der Zeit gewinnt die Inszenierung an Dringlichkeit, fokussiert sich auf die Emanzipation des Gretchens zur Margarethe. Eine Stärke des kurzen Abends ist, dass er von schönen Popsongs durchzogen ist, die Melancholie, Trotz und Aufbegehren der jungen Frau spiegeln, die vom Objekt zum Subjekt reift.

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