Der goldene Schwanz

Bewertung und Kritik zu

DER GOLDENE SCHWANZ 
von Rebekka Kricheldorf nach den Brüdern Grimm 
Regie: Schirin Khodadadian 
Premiere: 5. Dezember 2020 
Staatstheater Kassel

Zum Inhalt: Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da verkauften Frauen ihre Körper. Da bezeichneten wütende amerikanische Feministinnen die Ehe als Prostitution auf Zeit. Da schrieben russische Autorinnen Ratgeber mit Titeln wie Wie date ich einen Millionär? Da zerschlugen koreanische Youtuberinnen vor laufender Kamera aus Protest gegen den Schönheitswahn ihre Kosmetika mit Hämmern. In dieser düsteren, grauen Zeit also begab es sich, dass ein alleinerziehender Dad auf eine alleinerziehende Mom traf. Drei Mädchen wurden in die Patchwork-Familie eingebracht: Moms Töchter, zwei fleißig in die Kapitalanlage Körper investierende Teenies, und Dads Tochter, das handwerklich begabte, maximale Autonomie anstrebende Aschenputtel.
Mom, die so bitter am eigenen Leibe erfahren musste, was passiert, wenn man die Marktgesetze außer Acht lässt, trichtert ihrem Nachwuchs ein, aus dem Geschlechter-Deal Schönheit und Jugend gegen Status und Geld das Maximum rauszuschlagen. Eine gute Partie muss her. Und sie naht in Gestalt eines Prinzen – Schauspieler auf Promo-Tour für seinen neuesten Film. Der muss geangelt werden, mit allen Mitteln!
Aber wie es meistens so geht mit den Lebensplänen – sie gehen schief. Und am Ende haben wir ein heilloses Durcheinander. Aschenputtel, die das niemals wollte, ist verliebt, die einst so innig verbundenen Schwestern bekriegen sich aufs Blut und ein Prinz emanzipiert sich von seiner Geschlechterrolle. Die Interessenskonflikte spitzen sich auf allen Ebenen zu, bis es zum unvermeidlichen Finale kommt: Liebesglück für die einen, Selbstamputation für die anderen.

Mit: Judith Florence Ehrhardt (Sista), Meret Engelhardt (Sis), Eva-Maria Keller (Taube & Taube), Aljoscha Langel (Prinz), Anke Stedingk (Mom), Rahel Weiss (Aschenputtel) und Jürgen Wink (Dad)

Regie: Schirin Khodadadian
Bühne: Daniel Roskamp
Kostüme: Ulrike Obermüller
Musik: Katrin Vellrath
Dramaturgie: Michael Volk

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Tussitum
  · 27.05.21
''Die Family wird als Sozialfall vorgeführt, und die vier Frauen - insbesondere die dominante Schreckensmutter - sehen eigentlich nur einen Ausweg aus ihrer (Sozial-)Falle: "Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!", und so zitieren sie tatsächlich Bertolt Brecht. Ja und den "Wohlstand" meinen und vermeinen sie sich durch eine entsprechend passende Partie hinzuzuheiraten. Rein zufällig gewinnen sie bei einem Fernseh-Quiz ein Live-Dating mit einem stadt- und landbekannten Fernsehstar, welcher als eine Art von Bachelos seit Jahren schon sein Unwesen in den Privaten treibt - also ein Fernsehstar sprich Bachelor sprich megareich. Nichts wie hin bzw. nichts wie ran! "Es reicht, wenn eine von uns, nur eine, den goldenen Schwanz zu fassen bekommt", meint die habgierige Schreckensmutter...

Und dann kommt halt dieses alte Aschenputtel-Muster mit zum Vorschein, und das Aschenputtel soll's am Ende richten, weil die beiden Aschenputtel-Stiefschwestern zu doof hierfür sind, doch das Aschenputtel tut sich in den Prinzen verlieben, oder es denkt, dass es sich in ihn verliebt hat usw. usf.

Zum Schluss des Stückes hin flacht es ein bisschen ab, d.h. dass alle dann entnervend viel über sozialgesellschaftliche Muster plappern, also über all die Sachen, die man so schon vom Erzählen her oder aus eigenem Erleben zugenüge kennt. Nichts Neues, keine Groß- und keine Kleinvisionen; nur noch so'n Tussi-Geseiere. Doch macht ja nichts - das Stück hörte sich trotzdem ganz gut und spritzig an.'' schreibt Andre Sokolowski am 27. Mai 2021 auf KULTURA-EXTRA
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