Ein Mann seiner Klasse

Bewertung und Kritik zu

EIN MANN SEINER KLASSE  
nach dem Roman von Christian Baron
Regie: Lukas Holzhausen 
Premiere: 21. Oktober 2021 
Schauspiel Hannover 

Eingeladen zum 59. Berliner Theatertreffen (2022)  

Zum Inhalt: Christian und sein Bruder Benny ziehen die Bettdecken über die Köpfe und halten die Luft an, wenn drüben der Vater die Mutter gegen die Wand schleudert. Die Gewalt ist zur Normalität geworden, genauso wie die Armut, in der sie leben, und der Reflex, nichts nach außen dringen zu lassen, bloß nicht aufzufallen. Die Wutausbrüche des trinkenden Vaters sind unberechenbar und exzessiv, und doch hofft Christian immer, dass er bleibt. Er schaut auf zu dem Mann, der eine Waschmaschine alleine in den vierten Stock tragen kann und die Familie davor beschützt, im Kalkofen zu landen, dem Viertel, in dem die wohnen, denen es noch schlechter geht. Unter den abfälligen Blicken der Nachbarn scheint die Zukunft der Kinder bereits vorgezeichnet. Als die Mutter ernsthaft erkrankt, schreitet eine couragierte Tante ein und die Dinge beginnen sich zu verändern.
Als einer, der davonkam, blickt Autor Christian Baron in seinem 2020 erschienenen Debütroman zurück auf eine Arbeiterkindheit in Kaiserslautern und stellt die Frage, wer oder was seinen Vater zu dem machte, der er war. Baron erzählt von skandalöser Armut in einem reichen Land, von den wirkungsvollen Mechanismen der Ausgrenzung, vom Ringen um Stolz und Würde und hält dem Hohn der Gesellschaft eine berührende Familienbiografie entgegen.

Mit Nikolai Gemel, Stella Hilb

Regie: Lukas Holzhausen
Bühne und Kostüme: Katja Haß
Musik: Robert Pawliczek
Dramaturgie: Annika Henrich


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
Lukas Holzhausen, der 2019 vom Volkstheater Wien ins Ensemble des Schauspiels Hannover wechselte und seit Jahren auch immer wieder Regie führt, gelang mit „Ein Mann seiner Klasse“ eine schlüssige Inszenierung, die relevante Themen bearbeitet und an der es handwerklich und dramaturgisch nichts auszusetzen gibt. Die Romanadaption ist eine überzeugende Arbeit für das Repertoire des Schauspiels Hannover, läuft an diesem mittelgroßen Haus aber nur auf der kleinsten Bühne im Ballhof Zwei.

Die Einladung zum Theatertreffen war die größte Überraschung in der 10er-Auswahl für den Mai 2022. In sich ist die Arbeit rund und durchaus sehenswert, aber erfüllt sie auch das zentrale Kriterium, besonders „bemerkenswert“ zu sein? Ästhetisch ist „Ein Mann seiner Klasse“ über weite Strecken eine frontal ins Publikum erzählte Roman-Adaption, die nichts falsch macht, aber auch keine neuen Wege ausprobiert oder auf andere Art herausragt.

Der Abend wird vor allem aus der Sicht der Hauptfigur Christian erzählt, die Nikolai Gemel verkörpert. In einem Mix aus erklärenden, ins Publikum gesprochenen Passagen und Szenen mit Mutter/Tante und Bruder Benny (im Wechsel von zwei Kinderdarstellern gespielt) führt er durch den Abend und die Erinnerung an eine sehr prekäre Kindheit.

2003, als Baron gerade Abitur machte, erste Artikel über Basketball-Oberliga in der Rheinpfalz veröffentlichte und sich bei den Jusos engagierte, wurde das Leben der Prekariatsschicht, aus der er stammt, durch die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung noch härter. Die Inszenierung positioniert sich in einem eingespielten Monolog kurz vor Schluss klar gegen die Einführung von Hartz IV, strengen Sanktionen, den Niedriglohnsektor und die Leiharbeit: Themen, bei denen auch die beiden Zeitungen Neues Deutschland und Freitag, für die Baron schreibt, immer sehr klar Position bezogen.

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Lukas Holzhauses zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladene Inszenierung
  · 14.03.22
''Die Figuren der Mutter und der aufopferungsvollen Tante Juli werden von Stella Hilb gespielt. Mal gibt sie die sich gegen den Vater währende Mutter, die mehr und mehr in Depressionen versinkt, dann die ebenfalls im Dialekt sprechende und nicht auf den Mund gefallene Tante. Die Kinderdarsteller Noah Ilyas Karayar und Titus von Issendorff spielen alternierend Christians ein Jahr älteren Bruder Bennie. So entsteht ein eindrucksvolles Portrait der Familie und eines Jungen, der von Anfang an zwischen dem Arbeitermilieu, in das die äußere Welt nur über den Fernseher oder Filme aus der Videothek eindringt, und den gebildeten Schichten des Bürgertums, aber lange doch zu seinem Vater steht, der ihm den Stolz seiner Klasse einprägen will. Als der Vater arbeitslos wird, hungert die Familie lieber als sich die Blöße zu geben, Sozialleistungen zu beantragen. Erst die ältere Schwester der Mutter, die durch Heirat aus dem Milieu ausgebrochen ist, bringt Christian Kunst und Kultur näher. Hier räumt der Roman auch mit der Legende auf, das es jeder aus eigener Kraft schaffen kann.

Die Inszenierung arbeitet außerdem mit Videoprojektionen und Musik, vor allem von der vom Vater verehrten Band Queen. I Want to Break Free kann in diesem Zusammenhang als doppelte Befreiungshymne gelesen werden, einmal als Traum des Vaters, der sich schließlich nicht erfüllt. Er bleibt letztendlich ein Mann seiner Klasse, wohingegen Christian, wie schon der französische Soziologe Didier Eribon und sein Schüler, der Schriftsteller Édouard Louis, seine Klasse verlassen kann. Christian Baron erhebt in seinem Roman zwar keine so speziellen Anklagen an die politisch Verantwortlichen wie die beiden französischen Autoren, benennt aber auch die Agenda-Politik der Schröder-Regierung als mitverantwortlich für den Sozialabbau. In einem kurzen Videoeinspieler zu Hartz IV und Leiharbeit wird das in der Inszenierung thematisiert. Auch der Vater stirbt früh mit nur 43 Jahren an Organversagen. Die Frage steht im Raum, wer für diesen Tod verantwortlich ist und warum Christian im Gegensatz zu seinem Bruder dem Vater am Sterbebett nicht verzeihen konnte. Die Frage richtet sich am Ende auch ins Publikum. Ihr auszuweichen, dürfte künftig schwerer fallen.'' schreibt Stefan Bock am 14. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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