Eine Frau flieht vor einer Nachricht

Bewertung und Kritik zu

EINE FRAU FLIEHT VOR EINER NACHRICHT 
nach David Grossman
 
Regie: Dušan David Pařízek 
Premiere: 24. Januar 2020 
Deutsches Schauspielhaus Hamburg 

Zum Inhalt: Das zentrale Motiv des Buchs wiederholt sich real. Ora, die Frau, die vor einer Nachricht flieht, setzt sich in Bewegung und beginnt zu erzählen: von ihrer Liebe zu zwei Männern, die seit früher Jugend in ihrem Leben vorkommen, von Wut und Zärtlichkeit, Verzweiflung und Leidenschaft – und von ihrem Sohn Ofer, der sich freiwillig für einen Militäreinsatz im Westjordanland meldet. Ora setzt sich in Bewegung, weil sie das drohende Ereignis nicht hinnehmen will und kann. Sie versucht, den Sohn durch unaufhörliches Erinnern am Leben zu halten, das Unglück zu bannen, indem sie ihrem Jugendfreund Avram, dem biologischen Vater von Ofer, der im Sechstagekrieg selbst Soldat war, von ihrem Sohn erzählt. Sie macht sich unerreichbar für die Nachricht, die einträfe, wenn das Schreckliche geschähe. Auf Oras langer Wanderung durch Israel und die Landschaft ihrer Erinnerung begegnen wir den Söhnen, den Männern, dem Krieg und allem, was geblieben und übrig geblieben ist von drei Leben. – Der Autor und Friedensaktivist David Grossman spiegelt einen der größten Konflikte der Gegenwart in minimalistischen Erlebnissen des Alltags. In unzähligen Momenten zeigt er das Leben seiner Figuren unauflöslich mit Politik und Krieg verflochten. Paradoxerweise sind es die Kraft und Zartheit, Verletzbarkeit und Offenheit seiner Sprache, seine besondere Art zu erzählen, die erst das Mörderische in seiner umfassenden Gewalt spürbar machen.

Mit: Ute Hannig, Paul Herwig, Markus John

Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Rebekka Dahnke
Dramaturgie: Ralf Fiedler


 

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Bedrückendes, minimalistisches Kammerspiel
  · 17.05.21
Einige Motive und dramaturgischen Mittel, die typisch für Inszenierungen von Dušan David Pařízek sind, nutzt der tschechische Regisseur hier besonders exzessiv: die Overhead-Projektoren, die Erinnerungen an Schulzeiten und Seminarräume aus Prä-Digital-Zeiten wach werden lassen, die spröden Betonwände, der völlige Verzicht auf Requisiten und das ständige Aus-, An- und Umziehen des Trios auf der Bühne. Dies macht „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ zu einer äußerst kargen Kost. Als minimalistisches Kammerspiel hat Pařízek die knapp zweistündige Romanadaption im Malersaal des Schauspielhauses Hamburg angelegt. Dass er auch ganz anders inszenieren kann, zeigte Pařízek zuletzt bei einem revuehaften „Peer Gynt“-Live-Stream mit Rockkonzert-Einlagen.

David Grosssmans 2009 in deutscher Übersetzung erschienener Roman erzählt von einer Gesellschaft im Dauer-Krisen-Modus, von der Alarmstimmung an den Checkpoints, der Allgegenwart des Militärs, dem Zwangsdienst für alle jungen Erwachsenen in der Armee und von den tiefen Wunden, die dieser permanente Krisen-Zustand, in dem Phasen relativer Normalisierung mit brutalen Eskalationsspiralen wechseln, in den Seelen hinterlässt.

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