Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen

Bewertung und Kritik zu

ELEOS. EINE EMPÖRUNG IN 36 MINIATUREN 
von Caren Jeß
Regie: Daniel Foerster 
Premiere: 4. November 2021 
Schauspielhaus Graz 
Berlin-Premiere: 10. Juni 2022
Deutsches Theater Berlin 

Berliner Autor:innentheatertage (2022) 

Zum Inhalt: Eleos und phobos, Furcht und Mitleid, sind die kathartischen Effekte, die ein tragisches Stück hervorrufen soll, auf dass der Mensch nach dem Theaterbesuch sittlich gereinigt in seine Realität zurückkehre. Neuere Übersetzungen sprechen vom Jammern und Schaudern, was schon weniger edel klingt, vielmehr hinabführt in die Niederungen allzumenschlicher Zuständlichkeiten.
"Or!" Dieser Ausruf der Missstimmung sei "eine der am häufigsten gebrauchten Interjektionen unserer Zeit". Denn wir glauben zwar nicht mehr an die Katharsis, sehnen sie aber herbei, weil wir uns nicht mehr aufregen müssten, wenn wir erst rein wären, vermutet die Autorin Caren Jeß, wohl wissend, wie nah Tragödie und Komödie beieinander liegen. Ihr kathartisches Kurstück (sic!) beschreibt in 36 formal und stilistisch höchst unterschiedlichen kurzen Szenen Gefühlslagen zwischen Niedergeschlagenheit und Jammerei, Angst und Wut, Gewalt und Hass. Ohne sich auf eine politische Agenda oder ein billiges Freund-Feind-Schema festzulegen, ohne den Zeigefinger zu erheben und auf das zu deuten, was in dieser Welt vermeintlich geht oder eben nicht (mehr) geht, seziert sie mit poetischer Einfühlsamkeit und sprachlicher Virtuosität die Empörung an sich. Sie findet Beispiele für die Mechanismen und Kettenreaktionen dahinter und erzählt zutiefst menschenfreundliche Geschichten über hochzivilisierte Individuen am Endpunkt. Jenem Punkt, an dem die Figuren, "sie sind niemand und alle", nicht mehr weiterkönnen oder -wissen, weinend wimmern oder siegesgewiss lächelnd nach unten treten, sich sadistischer Gewalt hingeben oder in Wutstarre verharren.

Mit Henriette Blumenau, Oliver Chomik, Nico Link, Alexej Lochmann, Daria von Loewenich, Sarah Sophia Meyer, Raphael Muff, Susanne Konstanze Weber und Timo Neubauer (Live-Kamera)

Regie: Daniel Foerster
Bühne und Kostüme: Mariam Haas, Lydia Huller, Robert Sievert
Musik: Jan Preißler
Video: Simon Baucks
Dramaturgie: Franziska Betz

TRAILER


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Funktioniert als Theaterfilm nicht gut
  · 11.06.22
Aus dispositorischen Gründen konnte „Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen“, das im November 2021 im Haus 2 des Schauspielhaus Graz uraufgeführt wurde, bei den Autor:innentheatertagen am Deutschen Theater Berlin nur als Stream auf einer Leinwand in den Kammerspielen gezeigt werden.

Regisseur Daniel Foerster und sein Team haben eigens für das Festival eine Theaterfilm-Version dieser gerade abgespielten Inszenierung gedreht, die in Berlin nur an einem Abend lief und am kommenden Wochenende als „Stream des Monats“ auf Nachtkritik abrufbar sein wird.

Auch wenn schon die Original-Inszenierung stark auf die Live-Videokamera von Timo Neubauer setzte, ist „Eleos“ ein Beispiel für Stream-Adaptionen, die nicht gut funktionieren. Der Theaterfilm, ein Genre, das im zweiten, langen Corona-Lockdown an vielen Häusern ausprobiert wurde und seitdem wieder in der Versenkung verschwunden ist, bleibt zu oft in einem unentschiedenen Zwischenstadium stecken: nichts Halbes und nicht Ganzes, weder Theater noch Film. Ausnahmen wie Pinar Karabuluts „Edward II.“, die sich vom Theater löste und konsequent mit den Stilmitteln einer Serie spielte, bestätigen diese Regel.

Vom Temporeichtum und der Energie einer türenschlagenden Komödie über Wutbürger*innen und Influencer*innen vermittelt sich in der Aufzeichnung als Theaterfilm wenig.

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