Wallenstein

Bewertung und Kritik zu

WALLENSTEIN 
von Friedrich Schiller
Regie: Frank Castorf
Premiere: 14. April 2022 
Staatsschauspiel Dresden 

Zum Inhalt: Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 war ein einschneidendes Ereignis der deutschen und europäischen Geschichte, das in seiner künstlerischen Aneignung Schiller wie auch später Bertolt Brecht zum Überarbeiten tradierter Kunstformen geführt hat. Schiller entwirft mit seinem Wallenstein das Porträt eines sich selbst ermächtigenden Herrschers, der einen Platz für sich in Europa beansprucht und sich damit gegen das überkommene Machtgefüge auflehnt. Der historische Wallenstein war einer der ersten modernen Kriegsunternehmer, bei ihm waren Feldzüge auch wirtschaftliche Unternehmungen. Im Krieg werden Grenzen neu gezogen, am Ende wird die Beute verteilt unter den Herrschenden, während ganze Bevölkerungen zu Nomaden werden, wenn sie nicht ermordet oder ausgehungert worden sind. Dreihundert Jahre nach der Schlacht am Weißen Berg bei Prag begann mit einem Attentat der Erste Weltkrieg, der nach nur kurzer Friedenszeit in den Zweiten Weltkrieg mündete – eine Geschichte von Völkermord und Zerstörung, die fast dreißig Jahre anhielt. Mit den von Schiller ‚erfundenen‘ Figuren Max Piccolomini und Wallensteins Tochter Thekla führte Schiller einen unbedingten Freiheitsbegriff und ein ethisches Korrektiv in die Handlung ein, so wie er sie in seinen theoretischen Schriften entworfen hatte. Doch welchen Bestand hat ein ‚kategorischer‘ ethischer Anspruch, wenn es im Krieg, damals wie heute, um die Ressourcen dieser Welt geht?
Erstmals inszeniert Regisseur Frank Castorf in Dresden und zeigt seine Lesart von Schillers Monumentaldrama und seine Reflexionen zur deutschen und europäischen Geschichte.

Mit: Marin Blülle, Frank Büttner, Kriemhild Hamann, Jannik Hinsch, Henriette Hölzel, Moritz Kienemann, Torsten Ranft, Götz Schubert, Daniel Séjourné, Oliver Simon, Fanny Staffa und Nadja Stübiger

Regie: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: William Minke
Videodesign: Andreas Deinert
Schnittdesign: Jens Crull
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Jörg Bochow
Licht: Andreas Barkleit und Konrad Dietze
Live-Kamera: Andreas Deinert, Julius Günze und Eckart Reichl
Live-Schnitt: Kathrin Krottenthaler
Live-Ton: Hendrik Gundlach und Moritz Lippisch
Künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink


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Wallenstein mit viel Klamauk und historischem Fremdtext
  · 17.04.22
''Wallenstein tritt an diesem Abend erst recht spät auf. Götz Schubert als Gast im Kettenhemd und Harnisch spielt ihn ähnlich schluffig wie seinen Görlitzer TV-Kommissar. An seiner Seite steht Nadja Stübiger wechselnd als Herzogin von Friedland und Astrologe Seni, der unter einem Sternenzelt seine Schicksalsdeutungen macht. Bemerkenswert noch Henriette Hölz als Graf Terzky und minutenlang in den Wehen liegende Marketenderin, die eine blutige Babie-Puppe gebiert. Da steckt die Inszenierung fest, wie der deutsche Blitzkrieg im „Schlamm der Ukraine“. Bis zur Pause nach gut drei Stunden ist Die Piccolomini noch nicht geschafft, obwohl sich Torsten Ranft als Vater Octavio (O Sole mio) und Marin Blülle als treuer Sohn Max redlich mühen. Erwähnenswert sind noch Fanny Staffa als Gräfin Terzky und Jannik Hinsch als im wahrsten Sinne des Wortes ein Intrigennetz spannender Illo (auch mal als Super Illo betitelt), der nach der Pause noch zu Laibachs Geburt einer Nation performen darf und auch beim Gelage der Offiziere, denen ein Treuedokument zu Wallenstein am Ende ohne den Treuezusatz zum Kaiser untergeschoben werden soll, einen trinkfeste Auftritt hat.

Sieben Stunden wird der vorher auf sechs ausgelegte Abend dann schließlich dauern. Dabei muss noch viel originaler Schillertext die Rampe runter geschoben werden, was auf Dauer etwas ermüdend ist. Doch sogar noch ein Goethe-Gedicht gibt es oben drauf. Maskenzug in Weimar, bei dem Adriana Braga Peretzkis wie immer tollen Kostüme so richtig zur Geltung kommen. Die eigentliche Intension, „die sittliche Autonomie in Kriegszeiten“ (laut Dramaturg), die Schiller als Utopie im Liebespaar Max und Thekla (hier gespielt von Kriemhild Hamann) angelegt hat, geht irgendwo zwischen Bier und „Wurzelpeter“ verloren. Für die Figur des Kriegsgewinnlers Wallenstein scheint Castorf sich auch nicht wirklich zu interessieren. Doch auch hier gilt: „Wo viel verloren wird, ist manches zu gewinnen.“ schreibt Stefan Bock am 15. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
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