Ein Blick von der Brücke

Bewertung und Kritik zu

EIN BLICK VON DER BRÜCKE 
von Arthur Miller
Regie: Martin Nimz 
Premiere: 17. Februar 2022 
Theater Bonn 

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Zum Inhalt: Im New Yorker Hafenviertel lebt Eddie Carbone ein bescheidenes Leben mit seiner Frau Beatrice und seiner verwaisten Nichte Catherine, die er wie seine eigene Tochter großgezogen hat. Aus Italien stammend hat er sich durchgebissen und betrachtet sich nach 20 Jahren mit Stolz als Amerikaner. Als zwei Verwandte seiner Frau als illegale Einwanderer aus Sizilien mit dem Schiff ankommen, gewährt Eddie ihnen für den Anfang Zuflucht in seiner Wohnung. Sie finden Arbeit im Hafen, leben ohne Aufenthaltserlaubnis und Pass jedoch in ständiger Angst vor Abschiebung und können am sozialen Leben außerhalb der Wohnung nicht teilnehmen.

Rodolpho, der jüngere, will in den USA bleiben und heiraten, um der Chancenlosigkeit in seiner Heimat zu entkommen. Als er sich in Catherine verliebt, werden die Spannungen in der ohnehin engen Wohnung unerträglich. Catherine erwidert Rodolphos Gefühle und will ihn heiraten, um in Freiheit mit ihm zu leben. Doch in Eddie erwachen Eifersucht und Angst vor Veränderung. Die eigene besitzergreifende Liebe zu seiner Nichte und sein verletztes Ehrgefühl machen ihn rasend: Er verrät Rodolpho an die Einwanderungsbehörde. Familie, Freunde und Kollegen wenden sich daraufhin von ihm ab. In einer wütender Konfrontation mit Rodolphos Bruder Marco ersticht dieser Eddie schließlich mit dessen eigenem Messer.

Inszenierung: Martin Nimz
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Kerstin Grießhaber
Licht: Sirko Lamprecht
Dramaturgie: Male Günther
Choreografie: Johannes Brüssau


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Das Ende von Eddie
  · 19.02.22
''Gefühle drücken sich in Bewegungen aus. Ausgelassen tanzen die Akteure zu stimmungsvollen Einspielungen von so unterschiedlichen Interpreten wie Gianna Nannini, T*Rex und Riton X Nightcrawlers. Spannungsvoll deutet sich an, dass der unnahbare und insgeheim traurige Eddie versucht, seiner Nichte auch missbräuchlich körperlich nah zu sein. Die pragmatische Beatrice sieht das Problem kommen. Sie bittet ihre Nichte, sich weniger offenherzig zu kleiden und bald auf eigenen Beinen zu stehen. Ihren Mann fragt sie: „Wann haben wir denn mal wieder Sex?“ Er fragt wiederholt wie beiläufig, ob es Kaffee gebe und wartet vergeblich. Catherine bemitleidet ihren Onkel. Ihr fällt es schlussendlich schwer, gedanklich Abschied von ihren Adoptiveltern zu nehmen. Gleichzeitig möchte sie sich aber auch der Übergriffigkeit Eddies erwehren, die er geflissentlich als Beschützerinstinkt tarnt. Die beiden Einwanderer Marco und Rodolpho lernen die Unsicherheit in dieser dysfunktionalen Familie zu fürchten. Getriebene Figuren handeln entsprechend ihrer Verhältnisse und den Zwängen ihrer Zeit.

Bald leuchtet nicht nur der Bühnenraum klinisch hell. Alle Figuren außer Eddie schmücken sich festlich in reinem Weiß. Trifft ihn als einzigem die Schuld? Der Chor spricht über Gerichtsbarkeit und Recht. Wenn Eddie seine Angehörigen verrät, handelt er gegen eigene Prinzipien, jedoch im Sinne des amerikanischen Staatsrechts. Was wiegt schwerer, der Verstoß gegen das Gesetz oder der gegen die Gemeinschaft. Wenn Eddie sanfte Musikstücke auf dem Plattenspieler – einziges Requisit im Raum – anwählt, ist sein Stuhl inmitten der Arena einsam. Die Angehörigen hegen noch ihren Groll. Doch wie legitim können Vergeltungsgedanken sein, wenn man nicht aus dem Affekt handelt? Christoph Gummert zeichnet seinen Eddie komplex auch als homoerotisch motivierte Figur, wenn er mit seinem gefühlten Konkurrenten Rodolpho innige Zungenküsse tauscht oder mit Marco einen schicksalhaften Pas-de-deux tanzt. Lang unterdrückte Sehnsüchte und Leidenschaft deuten sich hier an, aber auch Wut und Verzweiflung.'' schreibt Ansgar Skoda am 19. Februar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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