Mercedes

Bewertung und Kritik zu

MERCEDES 
von Thomas Brasch
Regie: Julie Grothgar 
Premiere: 18. November 2021 
Theater Bonn 

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Zum Inhalt: Eine Frau und ein Mann begegnen sich. Sie nennen sich Oi und Sakko. Zeit spielt keine Rolle. Sie haben keine Aufgabe. Sie warten nicht einmal auf Godot. Sind einfach da. Gestrandete, irgendwo, am Ufer einer Realität. Hier beginnt die Fantasie, das Spiel. Nicht ganz klar ist, wer die Regeln vorgibt. In immer neuen Anläufen nähern sich Oi und Sakko einander, streiten sich, lieben sich, trinken Wein mit Stechapfel, erfinden sich Gegenwart und Rolle, um Interesse füreinander zu wecken.
Sakko erträumt sich einen Platz in einem geordneten Leben, in dem er gebraucht wird, ein Aufgehen in der Funktion des Arbeitenden. Oi schiebt Gedanken an Struktur weit von sich; sie fantasiert sich in kleinkriminelle Episoden und anarchische Zustände. Und dann ist da plötzlich dieses Auto. Ein Mercedes. Sie umkreisen es mit ihren Fantasien und Erinnerungen, steigen ein, um nirgendwohin zu fahren. Der Mercedes wird zur Projektionsfläche, zum verbindenden Phantasma, das wirklicher nicht sein könnte. Im Mercedes finden Oi und Sakko einen gemeinsamen Bezugspunkt, der die Welt definiert, in der sie sich miteinander bewegen, sich ausprobieren und einander herausfordern.

Mit Sandrine Zenner, Christian Czeremnych

Regie: Julie Grothgar
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Maximilian Schwidlinski
Licht: Ewa Górecki
Dramaturgie: Male Günther


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Kein Spiel ohne Gesellschaft
  · 16.12.21
''Spielerisch nähern sich Oi und Sakko nun an, mimen mal Cowboy und -girl, Dealerin und Drogenkonsument, Prostituierte und mittelloser Freier. Wenn sich beide auf der Bühne über die durch Sakko repräsentierte Limousine unterhalten, sprechen sie auch über Träume. Die Automarke Mercedes bildet insbesondere für Sakko einen abstrakt bleibenden, fiktiven Sehnsuchtsort.

Aggressionspotenzial scheint durch, wenn Oi ihr Bild von der Leistungsgesellschaft zeichnet. Als sie herausfindet, dass Sakko sich zehn Jahre als Berufssoldat verpflichten möchte, fragt sie beiläufig, ob er nichts Besseres mit seinem Leben anzufangen wisse: Könne er nur so das eigene Sein aushalten? Spannung kommt auf, wenn sie hintergründig Sakkos Regelbedürfnis nach gesellschaftlicher Konformität hinterfragt. Oi empfindet soziale Umgangsformen als lieblos. Muss man sich einpassen in eine Gesellschaft, um einen „glatten“ Lebenslauf zu erhalten? Schlagabtausche wechseln sich mit Reflexionen ab.

Braschs Drama erzählt davon, dass Oi und Sakko Schwierigkeiten haben, sich in eine als sinnlos empfundene Gesellschaft einzugliedern. Denn – wie sich herausstellt – sind beide arbeitslos. Oi und Sakko sind nunmehr auch gesellschaftliche Aussteiger, ohne es so zu nennen oder wahrzunehmen. Oi reißt bald kraftvoll die Planen herunter und ändert so bewusst das Setting. Sie wird sich im Niemandsland der gesellschaftlichen Nonkonformität noch einmal neu erfinden. Wenn Sakko ihr als trauriger Clown mit unzähligen roten Bommeln zu begegnen versucht, wird sie im Hasen-T-Shirt Äpfel im Akkord anbeißen. Bei ihm anbeißen wird sie nicht. Der Blick geht ins Leere. An einem Kreuz hängt eine Hasenmütze.'' schreibt Ansgar Skoda am 17. Dezember 2021 auf KULTURA-EXTRA
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