Das neue Leben

Bewertung und Kritik zu

DAS NEUE LEBEN 
frei nach Dante Alighieri, Meat Loaf und Britney Spears
Regie: Christopher Rüping 
Premiere: 10. September 2021 
Schauspielhaus Bochum 

Eingeladen zum 59. Berliner Theatertreffen (2022)  

Zum Inhalt: Und jetzt stellen wir uns vor: Wir sind neun Jahre alt und treffen die Liebe unseres Lebens. Wir treffen sie nicht wirklich, es ist nur ein Blick. Aber wir sind wie geblendet. Mit 18 sehen wir sie wieder: ein Gruß (kein Kuss) von ihr, weit weg. Und eigentlich war es das auch schon. Kein Wort, kein Kontakt. Doch unser ganzes Leben werden wir dieser Liebe widmen.
Dann geht es uns wie Dante Alighieri. Ein Italiener, im Jahr 2021 jährt sich sein Todestag zum 700. Mal, einer der größten Schriftsteller Europas aller Zeiten. Aber das ist jetzt erst einmal zweitrangig. Versetzen wir uns in seine Lage, seine und die seiner Angebeteten. Beatrice! Scheu bleibt er auf Distanz. Denn sobald er sich ihr nähert, verliert er die Fassung und wird ausgelacht. Er täuscht sogar andere Beziehungen an, um seine wahre Liebe zu vertuschen. Das macht es am Ende nur schlimmer. Als die Pest wütet und Beatrice jung verstirbt, hat er nichts erreicht – außer einem Stapel glühender Liebesgedichte und Liebeslieder. Was nützt die Liebe in Gedanken? Viel. Wie in einem Tagebuch bündelt er in Das neue Leben seine Erlebnisse, Träume, auch spirituelle Zahlenmystik und vor allem seine jugendliche Liebeslyrik, die er für das Publikum interpretiert wie Schulgedichte, um sicherzugehen, dass auch ja alle ihn verstehen. Für Dante beginnt ein neues Leben durch innere Erneuerung. Sein Werk steht auch dafür, wie Dichtung durch Liebe inspiriert wird. Am Ende gilt ein Wunsch: Dante will Beatrice wiedersehen. Und hierfür schreibt er, rund 20 Jahre später, sein Jahrtausendwerk: Die Göttliche Komödie. Ein Ritt durch Hölle, Fegefeuer bis ins Paradies – wo er Beatrice wieder trifft. Und erstmals mit ihr spricht. Auf Erden nicht möglich, im fiktiven Himmel schon.

Mit: William Cooper, Viviane De Muynck, Anna Drexler, Damian Rebgetz, Anne Rietmeijer

Regie: Christopher Rüping
Bühne: Peter Baur
Kostüm: Lene Schwind
Musik: Jonas Holle
Klavierarrangements: Paul Hankinson
Lichtdesign: Bernd Felder
Dramaturgie: Vasco Boenisch


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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Das neue Leben - Schauspielhaus Bochum
  · 07.05.22
''Wir sehen hier aber keine freche brechtsche Dante-Revue, ein Fragment des Augsburger Dichters, den die vom Theater nicht ganz unbeleckte Claudia Roth kurz auch in ihrer Rede erwähnte. Christopher Rüping lässt uns mit Dante und Friends ein wenig schmachten und über zwei gute Stunden auf den Pfaden der Entsagung wandeln. Ein recht steifes Unterfangen, dass auch nicht durch berühmte Popschmachtfetzen von heute wie etwa I Will Always Love You von Whitney Houston, Baby One More Time von Britney Spears oder I Would Do Anything for Love von Meat Loaf wirklich aufgelockert wird. Man kommt sich auf Dauer ein wenig wie beim diskursiven Trockenschwimmen vor. Das muss auch Regisseur Rüping aufgegangen sein, so dass er irgendwann einfach ein großes Leuchtpendel von der Decke schweben lässt und das Publikum mit Ambient-Sound und Lichtspielen weiter langweilt.

Das Beste kommt bekanntlich immer zum Schluss. Dann tritt die 76jährige Viviane De Muynck als gelalterte Beatrice auf und erklärt den vier verdutzten Dante-Playern recht trocken und abgeklärt, dass das ganze Leben ein Lauf zum Tode und sie nur die Fußnote in einem Buch, das nie jemand liest, sei. „Lebe mit dem was ist.“ ist da aber auch nur eine mäßig tröstende Auskunft über die Zukunft. Dafür wird für alle noch ein großer Trostschirm aufgespannt. Zumindest mit technischen Gimmicks geizt die Inszenierung am Ende nicht. Um auf die Frage nach dem Wohin zurückzukommen. Frei nach Dante: Lasset die Hoffnung noch nicht ganz fahren. Und frei nach Danger Dan, der sich auch noch beim THEATERTREFFEN die Ehre geben wird: „Ich hab 'ne gute Nachricht und 'ne schlechte auch“: Es geht noch weiter mit neun Inszenierungen. Da ist noch viel Luft nach oben.'' schreibt Stefan Bock am 7. Mai 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Tiefenentspanntes Tröpfeln
  · 06.05.22
Als „tiefenentspannt“ beschrieb tt-Juror Matthias Balzer den Abend und eine Weile ist es auch ganz amüsant, dem launigen Treiben des Quartetts auf der Bühne zuzusehen: William Cooper, Anna Drexler, Damian Rebgetz und Anne Rietmeijer tragen schwärmerische Sonette vor, die Dante Aligheri seiner Geliebten Beatrice schrieb. Zwischendurch streuen sie sehr eigenwillige Interpretationen von Popklassikern und Rock-Balladen von Whitney Houston über Meat Loaf bis Britney Spears, die sie mehr sprechen als singen. Auch das mag phasenweise ganz charmant sein.

Während der Abend zunächst noch plätscherte, tröpfelt er aber schließlich nur noch und droht ganz zum Stillstand zu kommen. Ein merkwürdiger Kontrast zu den beiden energiegeladenen, Seitenhiebe austeilenden, zum Teil regelrecht aufgekratzten Eröffnungsreden von Yvonne Büdenhölzer, die ihren Abschied als Chefin des Theatertreffens einläutet, und von Claudia Roth, die erstmals als Kulturstaatsministerin dabei ist.

Vom Schwung dieses Anfangs ist aber nach achtzig Minuten auf die Bühne längst nichts mehr zu spüren. Die Türen klappern und wir erleben das von Christopher Rüping vor seiner Hamburger „Brüste und Eier"-Premiere beklagte Phänomen des Publikumsschwunds hautnah mit. An Corona oder dem Krieg in der Ukraine, die auf Twitter als Erklärungsfaktoren für den schleppenden Verkauf bemüht wurden, hat es nun wohl kaum gelegen, dass vor allem in den hinteren Reihen immer mehr Zuschauer*innen vorzeitig gingen.

Mit einer Licht- und Nebelschwaden-Effekt-Show versucht Rüping das Ruder noch herumzureißen. Wir erleben minutenlanges Muskel-Posing der Gewerke und L´art pour l´art, die das Inferno symbolisieren und den Technikabteilungen von Schauspielhaus Bochum und Berliner Festspiele sicher einiges abverlangten, wie bei der Preisverleihung mehrfach betont wurde. All dieser vergossene Schweiß sorgt aber nicht dafür, dass dieser bis dahin belanglose Abend noch mal zu großer Form auflaufen würde.

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