Ophelia’s Got Talent

Bewertung und Kritik zu

OPHELIA’S GOT TALENT 
von Florentina Holzinger
Premiere: 15. September 2022 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

Zum Inhalt: Wir befinden uns in der Dämmerung des „Age of Aquarius“, einer Zeit, in der sich ein Shift von technologischen Innovationen hin zu humanitären Anliegen und kollektiver Verantwortung vollzieht. Die Bühne ist nasses Terrain: In Schwimmbad, Sumpf und Morast bereiten sich die Erbinnen Ophelias auf Unvermeidliches vor.
Nymphen, Nereiden, Sirenen und Melusinen lieben die Musik, sind exzellente Tänzerinnen und blicken in eine Zukunft, die fragil und ungewiss ist. Sie locken Menschen ins Wasser, zwingen sie in die Tiefe – und in den Spiegel der Venus zu blicken.
Der wahre Ort ihrer Bedeutung liegt also im Dunkeln, ist untergegangen und auf den Grund gesunken. Nur der Fäulnisprozess bringt ihre Körper an die Oberfläche, und dort treiben sie, bis man sie findet, oder sie zerfallen, um Eins zu werden mit der Natur.
In dieser ozeanischen Landschaft voll kulturgeschichtlicher Referenzen zu Wasserwesen und ertrunkenen Unbekannten geht es nicht nur darum, wie man prekäre Umstände durch Training überleben kann, sondern um die Möglichkeit, auf eine neue Lebensform zu spekulieren.
Fluktuation, Reflexion, Reproduktion, Heilung und Gewalt: In Florentina Holzingers neuer Arbeit an der Volksbühne vollzieht das multidisziplinäre Ensemble aus mehreren Generationen eine physische Studie zur Psychologie des Wassers im 21. Jahrhundert.

Mit: Saioa Alvarez Ruiz, Inga Busch, Renée Copraij, Sophie Duncan, Fibi Eyewalker, Florentina Holzinger, Annina Machaz, Melody Micmacher, Xana Novais, Netti Nüganen, Urška Preis, Zora Schemm
Und: Stella Adriana Bergmann, Nike Strunk, Laila Yoalli Waschke, Zoë Willens

Konzept & Regie: Florentina Holzinger
Komposition & Sounddesign: Stefan Schneider, Urška Preis
Bühne: Nikola Knežević
Lichtdesign: Anne Meeussen
Dramaturgie: Renée Copraij, Sara Ostertag
Dramaturgie Volksbühne: Johanna Kobusch
Live Harp: Urška Preis
Live Electronics: Stefan Schneider


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
Netti Nüganen ringt nach einer lebensgefährlichen Radikal-Performance um Luft. Bühnentechniker rennen herbei und Holzinger springt selbst ins Bassin, um ihre Kollegin herauszuziehen. Der Premieren-Abend schrammt nur knapp an einer Katastrophe vorbei.

Nach einem kurzen Schock-Moment entscheidet das Team „The show must go on“, doch im langen Mittelteil hängt der Abend durch und droht im seichten Gewässer zu stranden. Fünf Dramaturg*innen weist der Abendzettel aus (vier aus Holzingers Compagnie, eine festangestellte Volksbühnen-Mitarbeiterin): trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen? – wirkt der Abend ziellos. Dies und jenes wird angetippt. Dramaturgisch ist der Abend alles andere als ausgereift: Kinder-Statistinnen werden als Crew der Piratin herbeigerufen und wirken in dem dezidiert nicht jugendfreien Abend wie Fremdkörper, eine Freiwillige aus dem Publikum zieht ebenfalls blank und planscht mit Holzingers Equipe, der Mythos von Leda und die Tragödie der Ophelia werden zitiert, doch es bleibt bei losen Fäden.

Als der Abend zu versanden droht, ziehen sich Holzinger und ihr Team am eigenen Schopf aus der Misere. In Hollywood-artigen Breitband-Szenen, mit Helikopter-Einsatz und zu Helene Fischers „Atemlos“ baut die Wiener Choreographin starke, wuchtige Szenen. Subtil ist weiterhin nichts an diesem Abend, aber die Bildgewalt kommt in der Volksbühne voll zur Geltung.

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hess reinhardDie akrobatischen Vorführungen sind hervorragend. Die Seilnummer findet man sonst nur im Zirkus. Die Schwertschluckerin hat mir gut gefallen.Aussergewöhnlich war der Hubschrauber mit den Tänzerinnen die am Seil hingen .
Weiterhin gefiel mir gut das viele Themen versteckt angesprochen wurden wie z.B. der Plastikmüll in den Meeren. Die Erzählung über die Magersucht, Alkoholsucht oder die Vergewaltigung der Tänzerin bei Ihrem Tätowierer sowie viele weitere Themen.Mir imponiert wie bei den Holzingerstücken auf die Vollwertigkeit von allen Menschen hingewiesen wird.Hier z.B durch die Kleinwüchsige Darstellerin, die ein Mensch wie jeder andere ist. .
Die Nacktheit der Darstellerinnen ist nach 5 Minuten vollkommen nätürlich.
Die fast 3 Stunden Unterhaltung waren nie langweilig.
Es warten noch viele Überraschungen auf Sie.
Meine Frau und ich waren total begeistert und können die Aufführung nur empfehlen.
vor 9 Tag(e).AntwortenLink
''Nach der ersten misslungenen Spielzeit der Volksbühne unter René Pollesch hat die Volksbühne nun zumindest (voraussichtlich) einen Kassen- und Publikumserfolg gelandet. Schon allein des riesiges, schönen Spektakels wegen, mehr Zirkus-Kunst und Nummern-Revue als Theater. Doch auch, weil die Energie der Frauen beeindruckend ist. Holzinger arbeitet mit einem diversen, integrativen Cast – leider bleiben die Woman of Colour und die Performerin mit Trisomie Randfiguren, der Körper der kleinwüchsigen Performerin wird dagegen immer wieder gefeiert.

Intellektuell betrachtet bleibt der Abend allerdings, wie immer bei Holzinger, schrecklich unterfordernd. Fünf (!) Dramaturginnen werden auf der Homepage genannt – zu sehen ist davon: so gut wie nichts. Bei den literarischen Einsprengseln herrscht gedanklich eher Ebbe.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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