Geht es dir gut?

Bewertung und Kritik zu

GEHT ES DIR GUT? 
von René Pollesch
Premiere: 24. März 2022 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

Zum Inhalt:

1,5 Meter
1,5 Grad
1,5 Atomkoffer
2 x 1,5 Atomkoffer

Ich meine, jetzt kommt ja hoffentlich nächste Woche nicht noch was. Ich meine, was soll denn eigentlich noch kommen? Atomare Bedrohung haben wir, Klimakatastrophe haben wir. Pandemie haben wir – es kann nur noch ein Meteorit, Außerirdische – es kann höchstens Gott zu uns wirklich, persönlich sprechen. Oder du kommst zu mir zurück.
Da würde ich heulen, sofort.
Ja, also weißt du, das mein ich. Das ist doch noch alles drin!

Mit: Fabian Hinrichs, Afrikan Voices, Bulgarian Voices Berlin, Flying Steps Academy

Text: René Pollesch
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Frank Novak, Johannes Zotz
Dramaturgie: Johanna Kobusch


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Corona-Kabarett, Einsamkeits-Suada und Breakdance-Adrenalin
  · 24.03.22
Nach dem etwas zähen Kabarett-Intro gehört die leere, gewaltige Volksbühne dem Star allein: Hinrichs tigert wie gewohnt über das vertraute Gelände. Genauso vertraut sind sein sehnsuchtsvoll-melancholischer Sprechgesang. Statt der ironischen Diskursschleifen, die Pollesch-Abende mit seinen anderen Stammkräften prägen, herrscht hier ein ganz anderer, ernsterer, konzentrierter Ton, wie immer wenn Hinrichs als Co-Autor und Performer mitwirkt. Die überbetonten Silben wirken allerdings diesmal manierierter, als ich sie in Erinnerung hatte. Eine große Suada über Einsamkeit, Müdigkeit und Verlassenwerden zelebriert Hinrichs, bei der sich schnell das Gefühl einstellt, dass man sie schon mehrfach von ihm erlebt hat. Bei allem Pathos und aller Kunstfertigkeit wirkt dieses lange Solo doch zu routiniert. Irritierend ist, dass Hinrichs seine Figur wie bereits bei der Friedrichstadt Palast-Revue von 2019 wieder mit Suizidgedanken kokettieren lässt.

Enttäuscht könnte man sich nun fragen, ob es das schon war oder doch noch was kommt, da kommen die Jungs von der Kreuzberger Flying Steps Academy um die Ecke, entern die Bühne und zeigen ein paar Breakdance-Moves. Dieser Adrenalin-Stoß wird vom Premieren-Publikum begeistert mit Szenenapplaus gefeiert. Die Sprechtheaterblase sehnt sich nach Abenden, die sich viel zu oft nur um sich selbst drehen und von Theaterwissenschaftlern für Theaterwissenschaftler gemacht scheinen, nach einem kräftigen Windstoß, etwas Street Credibility und ein paar neuen Anregungen jenseits eingefahrener Routinen.

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Fabian Hinrichs steckt das Pollesch- Universum in eine Nussschale
  · 27.03.22
''Von der Müdigkeit über den Bierschaum zur „Schaumkrone einer anderen Müdigkeit, die es auch vorher schon gab“. Der pandemiegeplagte Home-Offiziant im Büßermäntelchen steckt in der ewigen Sinnkrise. Hinrichs trägt die vor Selbstmitleid triefende Rede im gewohnt gedehnt larmoyanten Ton vor, der kaum eine ironische Brechung kennt, außer den kleinen Pollesch-Gags über Spekulanten, Hedonisten und Social-Media-Wahn. Der drinnen vor der Tür hat den Bezug zur Realität draußen vor der Tür verloren. Da wirken die plötzlich auftauchenden jungen Breakdancer von der Flying Steps Academy wie von einem anderen Stern. Dann schwebt rauchend eine Rakete vom Bühnenhimmel just in dem Moment, wo Hinrichs so ziemlich alle im Publikum besoffen geredet hat und man glaubt, die Redundanz kaum noch ertragen zu können. Doch die Chance, dem Trübsinn mit der Rakete zu entfliehen, verpasst Hinrichs ebenso elegant, wie er sich später in eine Wallnussschale setzt und selbst ein wenig über sich lachen muss. Das Pollesch-Universum in der Nussschale im Sparbühnenbild von Katrin Brack. Auf dem Boden der Realität wachsen die Träume eben nicht in den Sternenhimmel. Und so will der Abend trotz Rakete Hinrichs auch nicht so recht abheben. Aber die Hoffnung, dass es in 200 Jahren hier noch etwas gibt, auch wenn wir nicht mehr da sind, hatte schon Anton Tschechow.'' schreibt Stefan Bock am 26. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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Atemberaubende Breakdance-Nummer und "Hinrichs in a nutshell"
  · 28.03.22
''In den besten Momenten sagen diese emotionalen, mit großer Verletzlichkeit gesprochenen Suaden auch bei dieser Pollesch-Hinrichs-Arbeit viel über unseren Gesellschaftszustand und Gefühlshaushalt aus. Für die Vereinsamung im Lockdown, unsere asymmetrischen Gesichter hinter der Maske finden die Theatermacher wunderschöne Sätze. Doch man merkt dem Abend an, dass er die Pandemie und den Klimawandel zum Grundthema hatte – die hineingewerkelten Aktualisierungen im Hinblick auf Putin, der zwischendurch im Foto eingeblendet wird, wollen sich nicht so recht ins Requiem der Privilegierten einfügen. Lässt sich der Krieg so leicht einflechten in den allgemeinen Erschöpfungszustand? Schlicht ein Ding "on top", wie Hinrichs sagt? Führt auch dieser Krieg nur zu kurzzeitigen Solidaritätswellen, die im Narzissmus der westlichen Welt bald abebben? Von der viel zitierten "Zeitenwende" ist hier nichts zu spüren, gar nichts. Vielleicht kommt dieser Abend fünf Wochen zu spät. (...)

Trotz mancher Einwände: Mit "Geht es dir gut?" hat die Volksbühne eine Inszenierung vorgelegt, die einen wirklich angeht.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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