A Divine Comedy

Bewertung und Kritik zu

A DIVINE COMEDY 
von Florentina Holzinger
Premiere: 19. August 2021 (Landschaftspark Duisburg-Nord/Ruhrtriennale) 
Berlin-Premiere: 23. September 2021 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

Zum Inhalt: Die Ausnahmechoreographin Florentina Holzinger nimmt sich in ihrer neuen Performance A Divine Comedy nicht weniger vor als das weltbekannte und gleichnamige Werk des italienischen Dichters Dante Alighieri in die Gegenwart zu katapultieren. Für ihre ganz eigene Version der Geschichte verbindet Holzinger die ursprünglichen drei Teile, Hölle, Fegefeuer und Paradies, um Himmel und Hölle ins Hier und Jetzt, vor allem aber in Bewegung zu versetzen. Die in unserer Kultur tief verankerte Unterscheidung hebt sie auf und bringt eine rein weibliche Besetzung von Performer:innen aller Altersgruppen sowie verschiedener körperlicher, tänzerischer und musikalischer Disziplinen zusammen, um mit ihnen die menschliche Dimension von Leben und Tod zu erkunden. Gemeinsam mit ihrem Ensemble, das sieben Jahrzehnte umfasst, bereist sie die europäische Tanzgeschichte auf der Suche nach den Verbindungslinien zwischen den Generationen und den kulturellen Verankerungen unserer Todesbilder und Fantasien. In ihrer spektakulären Performance scheut Holzinger nicht, den Tod selbst zu sezieren: Sie entwirft ein Experimentierfeld der Extreme, auf dem sie mit ihrem Ensemble Totentänze als Sterbeübungen exerziert, mit der Frage, wie darstellbar wird, was nicht vorstellbar ist. Der Körper der Performer:innen wird zum Schauplatz metaphysischer wie anatomischer Erkundungen. Dabei wird die Tanztradition genauso zum Material wie die Musik und die Literaturgeschichte. Hochkultur genauso zur Fundgrube wie Unterhaltung, Stunt, Motocross und Hypnose. Florentina Holzinger bevölkert ihr eigenes Jenseitsreich mit den Abgründen und Ängsten unserer Zeit und stellt keine geringere Frage als die nach einer möglichen Spiritualität im 21. Jahrhundert.

Performance & Choreographie: Foxxy Angel, Amanda Bailey, Linda Blomqvist, Renée Copraij, Beatrice Cordua, Paige A. Flash, Alba Gentili-Tedeschi, Noam Gorbat, Ria Higler, Florentina Holzinger, Susanne Jablonski, Steffi Laier, Annina Machaz, Courtney May Robertson, Audrey Merilus, Xana Novais, Maja Osojnik, Bärbel Schwarz, Anna Tierney, Linnéa Tullius, Miranda van Kuilenburg, Isabelle Volckaert

Konzept & Regie: Florentina Holzinger
Komposition & Sounddesign: Maja Osojnik, Stefan Schneider
Bühne: Nikola Knežević
Dramaturgie: Renée Copraij, Sara Ostertag
Dramaturgie RT: Sara Abbasi
Real Choreographie: Ty Boomershine
Licht Design: Anne Meeussen, Max Kraußmüller
Videodesign: Noam Gorbat


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Lauer Aufguss mit nackten Frauen und Ekeltheater
  · 23.09.21
Der Hype um ein Stück verführt Künstler*innen oft dazu, eine erfolgreiche Idee zur Marke auszubauen: im besten Fall werden sie Kult, im schlechteren Fall zur Masche, die sich nach ein paar Wiederholungen totläuft. Welchen Verlauf die Karriere von Florentina Holzinger nehmen wird, ist noch ungewiss. Aber „A Divine Comedy" ist leider nur ein lauer Aufguss von „Tanz“.

Nach einer überlangen Parodie auf Hypnose-Shows zum Einstieg bietet Holzinger in einer ebenso bunten wie wenig stringenten Revue alles auf, wofür ihre Performances stehen: nackte Frauen, die über Hürden sprinten oder kopfüber von der Decke baumeln, viel Ekel-Theater mit Großaufnahmen sezierter Ratten, dazu eine Prise Happening und Fluxus-Action-Painting und schließlich noch mehr furzende und kackende nackten Frauen.

Zu oft hängen diese zwei Stunden durch, zu wenig hat die Performance mit dem Dante-Meisterwerk „La Divina Commedia“ zu tun.

Immerhin darf sich Florentina Holzinger glücklich schätzen, dass ihre Idee, den Performerinnen Skelette auf den Rücken zu schnallen, dem Intendanten René Pollesch und seinem Team so gut gefiel, dass sie sie gleich für ihre Eröffnungspremiere abkupferten und Martin Wuttke dort ebenfalls mit einem Skelett auftrat.

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Extrem- Performance
  · 24.09.21
''Über das Häuten und Ausstopfen von Ratten könnte man vielleicht ins Grübeln kommen, ansonsten geht, was Frau gefällt. 22 nackte Performerinnen üben sich im Hürdenlauf, im Holzhacken oder einem farbmächtigen Rausch aus Action- und Body-Painting. Es hängen zwei Autos und ein Klavier samt Pianistin vom Schnürboden und heilige Scheiße gibt es auch noch. Im einzigen nennenswerten Textbeitrag erzählt die 80jährige Tänzerin Beatrice Cordua aus ihrer Zeit im Ballett-Ensemble von John Neumeier, wo sie im Ballett Le sacre du printemps getanzt hat. Sie sagt, als Tänzerin stirbt man zweimal, erst wenn die Karriere vorbei ist und dann, wenn man wirklich stirbt. Dantes Jugendliebe Beatrice tritt hier nicht als jugendlicher Engel auf, sondern als eine vom Leben und von der Arbeit an der Kunst gezeichnete Frau. Sie hat Parkinson und fährt in einem Elektro Caddy. Später erlebt sie einen göttlichen Koitus, dessen Höhepunkt man tatsächlich als verzückten Übertritt in andere Sphären verstehen könnte.

Alles, was Spaß macht, ist bekanntlich Sünde, die in der Kunstgeschichte meist noch durch aufreizende Weiblichkeit symbolisiert wird. Auch Dantes Göttliche Komödie hat über die Jahrhunderte vor allem männliche Künstler zu verschiedensten Bildwerken inspiriert. Nun setzt Holzinger den weiblichen Körper auch als selbstbestimmten Kraftquell in Szene. Auf dem Programmzettel steht ein großes BeraterInnen-Team aus Kultur-, Tanz- und Literaturwissenschaft, Medizin, Psychologie sowie Sterbe- und Bestattungsbranche. Diese wissenschaftliche Beglaubigung hätte die fröhliche Nummernrevue gar nicht unbedingt nötig, auch wenn hier aus Kunsthistorie, Popkultur, Literatur, Philosophie und Sterbekulten geschöpft wird. Mit Dantes Jenseits-Visionen hat das alles eher wenig zu tun. Der wird am Ende von zwei riesigen Skeletten verfolgt. Eine etwas alberne Rahmenhandlung, in der auch ein Dixi-Klo den Eingang zur Unterwelt markiert. Und die Hypnotiseurin vom Anfang wünscht uns am Ende Love and Peace.'' schreibt Stefan Bock am 24. September 2021 auf KULTURA-EXTRA
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