Sorry Kassandra (I misunderstood)

Bewertung und Kritik zu

SORRY KASSANDRA (I MISUNDERSTOOD) 
Ein B-MOVE von Stefan Pucher
Online-Premiere: 6. Mai 2021 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

Zum Inhalt: Wie bei vielen anderen Produktionen, die derzeit an den pandemiebedingt geschlossenen Theatern der Republik online realisiert werden, so bleibt auch bei Stefan PucherSorry Kassandra (I misunderstood) die Gattungsfrage ungeklärt. Wird aus einer Inszenierung, die ursprünglich für die Bühne konzipiert, dann kurzfristig in ein Digitalprojekt umgewidmet und schließlich unter sehr besonderen Umständen in Probebühnen, Treppenhäusern, Kellerräumen und Brandenburger Scheunen mit der Kamera aufgezeichnet wurde, automatisch ein Film? Die Antwort liegt auf der Hand. Um was aber handelt es sich dann? Dokumentiertes Theater? TV-Inszenierung? Nichts dergleichen. Sorry Kassandra (I misunderstood)ist ein B-MOVE - eine ungewollte künstlerische Ausweichbewegung mit den Mitteln des Films, die in ca. 30 Minuten genau das thematisiert, was sie selbst ausmacht: Ausweichbewegungen. Und hier kommt Kassandra ins Spiel. Gleichsam mit Gabe und Fluch versehen, kann die Seherin weissagen, was immer sie will - niemand schenkt ihr Glauben. Im Mythos gründet diese Ignoranz auf Apollos göttlichen Zauberkünsten. In der profanen Menschheitsgeschichte der vergangenen 2500 Jahre hingegen hätte es anders laufen können. Doch die Abermillionen Mitwirkenden dieser Erdepoche bewiesen stets aufs Neue bestes Timing bei der rechtzeitigen Einleitung wort- und gedankenreicher Ausweichmanöver. Hauptsache, niemand musste (und muss) zu früh in die prophezeiten Abgründe blicken. Eine ebenso idiotische wie äusserst effektive Massnahme zur radikalen Selbsttäuschung. Was Nietzsches Idee von der „Ewigen Wiederkunft des Gleichen“ mit diesem Handlungsmodell zu tun haben könnte und welche Bedeutung hierbei einem Herrn namens Ulrich Holbein zufällt, kann ab dem 06.05. hier auf der Website nachverfolgt werden. Helfen könnte vielleicht noch der Hinweis, dass der B-MOVE-Titel Sorry Kassandra (I misunderstood) aus dem Refrain eines ABBA-Songs entliehen wurde, der 1982 auf B-Seite einer Hitsingle veröffentlicht wurde. Möglicherweise ist dies aber auch nur eine Info unter Infos und kann vernachlässigt werden. Gar nicht so leicht, den Überblick zu behalten inmitten dieser bereits viele Jahrhunderte währenden Rush Hour menschengemachter Ausweichbewegungen...

Mit: Sólveig Arnarsdóttir, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Robert Kuchenbuch, Katharina Marie Schubert und den Musikern Réka Csiszér, Michael Mühlhaus, Christopher Uhe

Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Licht: Kevin Sock
Video: Meika Dresenkamp
Dramaturgie: Malte Ubenauf


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Assoziativer Theater-Kurzfilm
  · 10.05.21
In eleganter Abendrobe deklamiert Katharina Marie Schubert bei mehreren Kurzauftritten einige Kassandra-Fragmente. Der Rest der sehr assoziativen, nur 27 Minuten kurzen Theaterfilm-Collage kreist um Zitate berühmter Denker und Schriftsteller von Friedrich Nietzsche bis Milan Kundera. Einige Comedy-Szenen, die auf einem Campingplatz in Mecklenburg-Vorpommern gedreht wurden, werden eingeflochten, eine dreiköpfige Band steuert Popsongs bei.

Wie die <Kassandra>-Inszenierung, die Stefan Pucher in dieser Spielzeit auf der Bühne präsentieren sollte, die aber den widrigen Umständen von monatelangem Lockdown und jähem #metoo-Ende der Volksbühnen-Intendanz von Klaus Dörr zum Opfer gefallen ist, lässt sich nach diesem kleinen Online-Appetithäppchen nicht erahnen.
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