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Bewertung und Kritik zu

ANTHROPOS, TYRANN (ÖDIPUS)
von Alexander Eisenach nach Sophokles
Premiere: 19. Februar 2021 (Online) 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

Zum Inhalt: Die Tragödie des Anthropos ist die Tragödie des Menschen, der sich als unangefochtener Herrscher über den Planeten wähnte und seine Tyrannei ständig ausdehnte, bis er jeden Bereich des terrestrischen Lebens als Ressource ausbeuten konnte. Jetzt, da wir einer globalen Katastrophe entgegenblicken, weisen die Finger der Seher auf uns. Wir selbst sind die Schuldigen von Pandemien und Klimapest. Wir haben die Zeichen ignoriert. Wir dachten, wir könnten dem Schicksal, unserer Abhängigkeit von den terrestrischen Rahmenbedingungen, entkommen. Jetzt, wo die Geschichte wieder in Gang kommt, wo sie vor unseren Augen weltweit zu wirken beginnt, müssen wir beschämt einräumen, dass wir unsere Herkunft verkannten und Kinder der Erde sind. Die Herrschaftsverhältnisse kehren sich um. Was wir für die Bühne unseres Handelns hielten, zeigt sich als das wahre Subjekt unserer Geschichte: Der Planet selbst.

Mit: Johanna Bantzer, Manolo Bertling, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Vanessa Loibl, Emma Rönnebeck, Sarah Maria Sander sowie den Musikern Niklas Kraft und Sven Michelson

Regie: Alexander Eisenach
Konzeptionelle Mitarbeit: Frank M. Raddatz (Theater des Anthropozän)
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Lena Schmid, Pia Dederichs
Musikalische Leitung: Niklas Kraft, Sven Michelson
Licht: Johannes Zotz
Video: Oliver Rossol
Dramaturgie: Ulf Frötzschner


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
3D-Online-Antiken-Spektakel
  · 11.03.21
''Bei der Seuche der Menschheit, um die es hier geht, handelt es sich dann auch nicht um einen unabwendbaren Schicksalsschlag der Götter, sondern die menschgemachte Klimakatastrophe, die mittels der antiken Tragödie auf den Brettern der Volksbühne nach Katharsis verlangt. Das so geforderte Publikum sitzt in Alexander Eisenachs Inszenierung Anthropos, Tyrann (Ödipus) aber nicht im Saal, sondern weiterhin vor dem heimischen Computerbildschirm, kann sich aber mittels eingesetzter 3D-Kamera ins Geschehen einklinken. Das geht am besten mit eine VR-Brille. Der 360°-Bühnenrundblick lässt sich aber auch über die Tastatur ermöglichen. Der aufrecht schreitende Mensch, in der griechischen Antike Anthropos genannt, steht also im Mittelpunkt des Spiels.

Ganz praktisch gesehen bekommt das im nächsten Antikenteil im Wortgefecht zwischen geharnischter Ödipustochter Antigone (Vanessa Loibl) und Thebens neuem König Kreon (Manolo Bertling) seinen Ausdruck. Hier stehen sich nun die Ökobewegung der Fridays-for-Futur-Generation und der rein nach ökonomischen Gesichtspunkten handelnde Realpolitiker unserer Tage gegenüber. Als Fazit oder Tragödien-Katharsis bliebe sicher die von Antje Boetius angeregte breite Vernetzung von Naturwissenschaft, Politik, Ökonomie, Medizin und Soziologie. Der Kunst käme dabei die Rolle der Vermittlung und Transformationshilfe zu. Denken und Fühlen zusammenbringen. Bleibt die Frage, ob es dazu wirklich dieses schwindligdrehenden 3D-Antiken-Zirkus bedarf.'' schreibt Stefan Bock am 4. März 2021 auf KULTURA-EXTRA
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Antike Tragödie trifft auf Lecture-Performance
  · 19.02.21
Einige O-Töne aus der „König Ödipus“-Reclam-Bändchen-Übersetzung des Schweizer Altphilologen Kurt Steinmann sind in diesen knapp zweistündigen Live-Stream aus der Volksbühne eingeflossen. Dieser hohe Tragödien-Ton erinnert von fern an Klaus-Michael Grübers Antiken-Projekte an der Schaubühne der 1970er Jahre. Die Figuren werden jedoch immer wieder ins heute übertragen: Antigone (Vanessa Loibl) und Kreon (Manolo Bertling) streiten hier nicht über das Begräbnis des toten Bruders, sondern um die richtige Antwort auf die Natur- und Umweltkatastrophen: Kreon ist überzeugt, alles im Griff zu haben und plädiert selbstgewiss für ein Weiter-so von Konsum und Industrieproduktion, während Antigone nachhaltigere Strategien einfordert und von ihm zum Schweigen gebracht wird.

Zu pathetisch-dräuender Live-Musik von Niklas Kraft und Sven Michelson versucht „Anthropos, Tyrann (Ödipus)“, antike Tragödie und moderne Lecture Performance, Mythos, Wissenschaft und Gegenwarts-Krise zusammenzubringen. Nicht immer gelingt dieser spielerische Spagat, aber die Ernsthaftigkeit, mit dem Volksbühne und „Theater des Anthropzän“ diesen Versuch gemeinsam angehen, ist anerkennenswert. Überraschend ist diese Ernsthaftigkeit gerade bei Alexander Eisenach, der in der vergangenen Spielzeit am Berliner Ensemble mit „Stunde der Hochstapler“ noch eine der belanglosesten, albernsten Arbeiten ablieferte.

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