Eine Odyssee

Bewertung und Kritik zu

EINE ODYSSEE
nach Homer
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson 
Premiere: 12. September 2019 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

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Zum Inhalt: Homers Odyssee (8. Jh. v. Chr.) beginnt zehn Jahre nach der Niederlage Trojas und ist ohne den Krieg nicht zu denken. Zwar gehört Odysseus den siegreichen Griechen an, doch dauert seine Irrfahrt ob Poseidons Fluch weitere zehn Jahre bis zur Heimkehr nach Ithaka. Lässt sich das Leben nach Stationen in der Ferne und allein auf dem Meer nahtlos fortsetzen? Was bedeutet Realität, wenn der Mythos um die trojanische Schlacht diese längst ersetzt hat? Das Trauma erfasst auch die Familie. Penelope verharrt in der Nicht-Zeit an einem Ort, belagert von den Freiern. Ihr beider Sohn Telemachos ist vaterlos im patriarchalen System aufgewachsen und Odysseus dessen bloße Projektion einer Heldenfigur. 
Echos des Krieges – in Afghanistan und Vietnam – hallen nach. Oder hat die Wirklichkeit den Mythos in seiner nonlinearen Komplexität längst eingeholt? Odysseus erzählt seine Geschichte, die Thorleifur Örn Arnarsson und Mikael Torfason gemeinsam mit dem Ensemble im Bühnenraum multiperspektivisch aufladen, denn Niemand ist Odysseus.

Mit: Sólveig Arnarsdóttir, Johanna Bantzer, Sarah Franke, Claudio Gatzke, Jella Haase, Robert Kuchenbuch, Daniel Nerlich, Silvia Rieger, Sarah Maria Sander, Nils Strunk, Theo Trebs und Gabriel Cazes (Musikalischer Leiter), Sir Henry (Musiker), Laura Witzleben (Tänzerin)

Regie: Thorleifur Örn Arnarsson
Bühne: Daniel Angermayr
Kostüme: Karen Briem
Musik: Gabriel Cazes
Choreografie: Laura Witzleben
Assistenz und Übersetzung: Damiàn Dlaboha
Video: Voxi Bärenklau, Nanna MBS
Licht: Kevin Sock
Dramaturgie: Degna Martens


 
Meinung der Presse zu „Eine Odyssee“ - Volksbühne


rbb
★★☆☆☆

nachtkritik
★☆☆☆☆

Berliner Zeitung
★★☆☆☆


Tagesspiegel
★☆☆☆☆

Die Welt
★☆☆☆☆

Zitty
★★★☆☆

tip
★☆☆☆☆

DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Zwei Debüts und ein Ausrufezeichen
  · 13.09.19
Was für ein Auftakt: Das volksbühnen-typisch besonders spät in den Saal tröpfelnde Publikum wird bereits mit den Aufwärmübungen zu einer knapp einstündigen Choreographie begrüßt, mit der Arnarsson fulminant loslegt.

Diese erste Stunde ist ein Theater-Genuss, kombiniert souverän Sprechtheater, Tanz und Live-Musik und schlägt das meiste, was zum Auftakt dieser Berliner Spielzeit bisher zu sehen war, um Längen. Zwischen düsteren Nebelschwaden und im Dämmerlicht steigert sich die im Chor gesprochene und getanzte Erzählung von der List des Odysseus, die griechischen Truppen im Trojanischen Pferd einzuschmuggeln, in einen beklemmenden Bericht von der Brutalität des Krieges. Nach dieser ersten Stunde ist klar: Arnarsson wird zurecht als einer der spannendsten jüngeren Regisseure gehandelt.

Die zweite Stunde bis zur Pause weist jedoch aus der „Edda“ bekannte Schwächen auf: die durchkomponierte Präzision weicht einer Achterbahnfahrt aus Höhen und Tiefen. Starke Bilder, einige überzeugende Soli, aber zu viel Stückwerk. Der Mittelteil der „Odyssee“ ist eine Nummernrevue, über weite Strecken auch noch hochklassig, aber manchmal ziellos.

Jella Haase trat als die schöne Helena auf, die menschliche Trophäe, die bekanntlich Auslöser des Trojanischen Krieges war. Sie wird von Menelaos (Theo Trebs) auf einem Panzer hereingefahren, wirkt aber auf der riesigen Volksbühne ziemlich verloren. Bei der Premiere fällt ihr die Umstellung von den Film-Großaufnahmen auf den ganz anderen, schon durch seine schieren Ausmaße einschüchternden Theaterraum noch sichtlich schwer. Ihr fehlt noch die Präsenz, die es braucht, um auf einer der am schwierigsten zu bespielenden, gewaltigsten Bühnen des Landes bestehen zu können. In einer Szene mit Theo Trebs und Nils Strunk ist sie fast nur Staffage. Hier lohnt sich ein zweiter Blick nach mehreren Vorstellungen, ob sie sich freispielen kann und den Sprung vom Film zum Theater schafft.

Bemerkenswert ist diese „Odyssee“ schließlich auch, weil Nils Strunk sich mit einem Ausrufezeichen in die Berliner Theaterszene katapultiert. Obwohl er an der HfS Ernst Busch studierte, war er hier bisher weitgehend unbekannt. In der vergangenen Spielzeit entwickelte er sich zum Shooting-Star des Münchner Residenztheaters und wurde dort mit dem Kurt Meisel-Förderpreis ausgezeichnet.

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Grob zusammengezimmert
  · 17.09.19
''Erst als die Pappschwänze in den Schnürboden abziehen, kommt ein anderer Ton auf. In aller Stille sitzen zwei Spieler auf der Bühne, es sollen der Autor Torfason und sein Bruder Bashir sein, der, so heißt es, in Afghanistan kämpft. Gegenseitig tragen sie sich ihre Briefe vor – und wenn Bashir (Silvia Rieger) vom Krieg erzählt, klingt ein bisschen an, wie ein brisanter Abend über Kriegsverbrechen, Heldentum, Traumata hätte aussehen können.

Doch was der erste Teil an Konfetti-Kanonen zu viel hat, hat der zweite zu wenig: Ein bleierner Monolog hängt sich an den nächsten. Handwerklich wirkt die Inszenierung grob und unrhythmisch zusammengezimmert.

Das wundert vor allem deshalb, weil Arnarsson am Staatsschauspiel Hannover letztes Jahr gezeigt hat, dass er Stimmungen bestens aufbauen und Geschichten berührend erzählen kann. Damals hatte er die isländische Göttersaga "Edda" als Bilderreigen inszeniert, der die großen Fragen nach Leben und Sterben, Glaube und Liebe stellt. Mit dieser Kraft kann seine Antrittsinszenierung an der Volksbühne nicht mithalten.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Gescheitert
  · 16.09.19
''Mehr als tönende Leere hat die Inszenierung bis hierher auch nicht verströmt. So geht es nach zwei Stunden erstmal zum Aufräumen in die Pause. Leer ist dann auch die Bühne zu Beginn des zweiten Teils. Arnarsson nimmt nun Druck und Tempo vollkommen raus. Claudio Gatzke und Silvia Rieger deklamieren einen Text des Autors Mikael Torfason über zwei Brüder wie bei einer szenischen Lesung. Der eine alkoholkranker Drehbuchautor mit Schreibblockade in Los Angeles, der andere britischer Soldat in Afghanistan. Man weiß nicht, wer schlechter dran ist. Dieser autobiografisch angehauchte Dialog in Briefen wurde zur Premiere noch von drei überlebensgroßen Puppen von amerikanischen Präsidenten mit erigierten Penissen umkränzt. Bei der zweiten Vorstellungen fehlen diese. Ein Zeichen, dass sich der Regisseur der Plakativität der Szenen wohl bewusst war.

Daniel Nerlich als runtergekommener Tramp Odysseus darf noch aus den Abenteuern seiner Irrfahrten berichten, bis er in seinen Heldenschilderungen von der Nymphe Kalypso (Sólveig Arnarsdóttir) unterbrochen wird. Zur Heimkehr durch den Gott Zeus (Sarah Franke im Gold-Overall) verdammt, irrlichtert er noch ein wenig durch den Hades, wo er auf tote Helden und seine ihn als gescheiterten Helden beschimpfende Mutter (Sólveig Arnarsdóttir) trifft. Was Odysseus zu Hause erwartet, verschwimmt im „Fog of War“. So gewaltig wie der Abend im ersten Teil begann, verflacht er im zweiten. Nicht nur dramaturgisch ist das Ganze schlecht gebaut, auch im Spiel ist diese Inszenierung gescheitert. Der Mythos der der Volksbühne-Vorgänger ist wohl immer noch zu stark.'' schreibt Stefan Bock am 16. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
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