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Bewertung und Kritik zu

LULU 
von Frank Wedekind
Regie: Stefan Pucher 
Premiere: 30. Mai 2019 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin 

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Zum Inhalt: Wedekinds Stück, bestehend aus den Dramen „Erdgeist“ und „Büchse der Pandora“, hat eine denkbar wechselhafte Entstehungs-, Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte: Umschreibungen, Privataufführungen, Verbote, schließlich Überarbeitung zum Drama „Lulu“. Die Figur inspirierte zu Stumm- und Tonfilmen, der Oper von Alban Berg, einer Umsetzung von Robert Wilson mit Musik von Lou Reed, einer ersten Aufführung des Urtexts 1988 in der Regie von Peter Zadek in Hamburg. Und doch bleibt es eine Geschichte der Projektionen und Lulu das Objekt: Ein Mann schreibt, andere Männer setzen das Drama auf Spielpläne, noch mehr Männer inszenieren ihre Phantasien. Jetzt haben wir #MeToo, Harvey Weinstein ist verurteilt, der Literatur-Nobelpreis wurde ausgesetzt, toxische Männlichkeit ist in ihren brutalen und erniedrigenden Formen erkannt und wird mindestens zunehmend auch geahndet. Dann kann „Lulu“ also in den Giftschrank. Oder beschreibt Wedekind eine Unruhe und die brutale, gesellschaftliche Organisation der Unterdrückung – von der dann endlich Lulu erzählen sollte? Lilith Stangenberg kehrt als Darstellerin der Lulu an die Volksbühne zurück.

Mit: Jan Bluthardt, Sandra Gerling, Waldemar Kobus, Andreas Leupold, Silvia Rieger, Sarah Maria Sander, Sylvana Seddig, Lilith Stangenberg, Theo Trebs, Moritz Carl Winklmayr
Musiker*innen: Réka Csiszér, Michael Mühlhaus

Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Licht: Kevin Sock
Musik: Christopher Uhe
Video: Meika Dresenkamp
Dramaturgie: Florian Feigl


 
Meinung der Presse zu „Lulu“ - Volksbühne


FAZ
★★★★☆

rbb
★★☆☆☆

taz
★★☆☆☆

Berliner Zeitung
★★☆☆☆


Tagesspiegel
★★☆☆☆

Die Welt
★☆☆☆☆

Zitty
★★★☆☆

tip
★★☆☆☆

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Pop-Revue mit radikalfeministischen Fremdtexteinlagen
  · 02.06.19
''Recht theatralisch scheiden zumindest Goll und Schwarz aus dem Leben. Auf Schön und Sohn Alva, der als aufstrebender Bühnenautor am Ende auch noch den Wedekind persönlich gibt, warten die Kugeln der Damen Lulu und Geschwitz (Sandra Gerling), die wie Thelma und Luise bzw. killende Despendes-Romanfiguren die Männer aus dem Weg räumen und aus ihren Bühnenrollen nach draußen auf den Rosa-Luxemburg-Platz fliehen. Die Inszenierung rettet sich nach einem etwas dahin plätschernden ersten Teil immer mehr in eine Bühnenrevue mit Gesangs- und Tanzeinlagen. Bis dahin herrscht allerdings auch sehr viel Krampf und übertriebenes Rampenposing. Regisseur Pucher versucht seine Popästhetik mit Brüll- und Kotzorgien à la Castorf zu kombinieren. Als übergriffiger Regisseur treibt hier Waldemar Kobus‘ Schön die Varieté-Tänzerin Lulu an. Auch Jürgen Kuttner, der am Deutschen Theater schon Valerie Solanas S.C.U.M. Manifest zu einem Feminista Baby! verwurstet hat, wird hier kurz ironisch paraphrasiert: „Kunst ist Kunst, oder sie ist Scheiße.“ 

Ex-Castorf-Schauspielerin Lilith Stangenberg beherrscht ihre Rolle natürlich aus dem Effeff. Auch Silvia Rieger gibt einen herrlich nöligen Schigolch. Die Herren tun sich da etwas schwerer, was sicher auch am Konzept liegt, sie als Deppen darzustellen, die sich ihr rollengerechtes Frauenbild schönreden. Dagegen setzt Pucher Passagen über den Mann als biologische Katastrophe und Gummipeter auf zwei Beinen aus dem S.C.U.M. Manifest, was hier herrlich im Duett von Stangenberg und dem ihr auf den Knien liegenden Leupold vorgetragen wird, oder King-Kong-Texte von Virginie Despendes, die Lulus lesbischer Liebhaberin Geschwitz in den Mund gelegt werden, und das Trugbild der perfekten Frau, normierter Geschlechterrollen und Sexualität zerstört. Hure oder Heilige, Raubtier oder Haustier, King Kong oder weiße Frau; das steht als Videogroßbild gewordene Frage im Raum. Ein wirklich spielerischer Umgang mit diesen Klischees gelingt der Inszenierung aber nicht. So bleibt am Ende nur Jeanne Moreaus bitteres Fazit: Each Man Kills The Thing He Loves.'' schreibt Stefan Bock am 2. Juni 2019 auf KULTURA-EXTRA
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Starker Schlusspunkt nach zähen zwei Stunden
  · 01.06.19
Mit einem starken Schlussbild endet Stefan Puchers „Lulu“ an der Volksbühne: Lilith Stangenberg (in der Titelrolle) und Sandra Gerling (als die lesbische Gräfin Geschwitz) räumen mit ihrem Revolver die beiden letzten verbliebenen Männer aus dem Weg, die an diesem Abend nur Staffage und klischeehafte Witzfiguren dienten. Von der Bühne flüchten sie hinaus ins Foyer und auf den Rosa-Luxemburg-Platz.

Die Videobilder der beiden Frauen, die ausbrechen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, sind sicher reichlich plakativ, aber endlich ein vielversprechender Ansatz, wie man den angestaubten, mehr als ein Jahrhundert alten Stoff von Frank Wedekind inszenieren könnte.

Aber leider kommt diese starke Szene zu spät: sie ist der Schlusspunkt nach zwei Stunden, die über weite Strecken zäh und uninspiriert abgespult wurden. Dem Abend ist sichtlich das Unbehagen von Regisseur Stefan Pucher und seinem Team anzumerken, die mit dem nur noch selten gespielten Stück über eine weibliche Projektionsfläche von Männerphantasien wenig anzufangen wussten.

Lilith Stangenberg, eine der prägenden Spielerinnen der Castorf-Spätphase an diesem Haus, kann den bleiernen Abend, der auf sie zugeschnitten ist, auch nicht im Alleingang stemmen. Sie wechselt fast im Minutentakt ihren Look und hat in der zweiten Hälfte einige mitreißende Songs, die von drei Live-Musiker*innen (Réka Csiszér, Michael Mühlhaus, Sarah Maria Sander) begleitet werden.

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