Die 120 Tage von Sodom

Bewertung und Kritik zu

DIE 120 TAGE VON SODOM (18+) 
nach Marquis de Sade und Pier Paolo Pasolini (Uraufführung)
Regie: Johann Kresnik 
Premiere: 27. Mai 2015 
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Die „120 Tage“ sind ein bizarres literarisches Frühwerk mit ausgeklügelter mathematischer Struktur. Anzahl der Personen, die Regeln und Verbote, die Hausordnung, die Tagesabläufe, einschließlich des Erlasses von Begierde und Vergewaltigung. Alles philosophisch untermauert mit einer geradlinigen Dramaturgie der steigenden Linie auf den konsequenten Punkt: Einer überlebt als Gott und Tyrann. Konsequenz der Konsequenz. Noch nicht bei de Sade.

Regie: Johann Kresnik
Libretto: Christoph Klimke
Bühne: Gottfried Helnwein
Kostüme: Gottfried Helnwein
Musik: Ali Helnwein
Licht: Torsten König
Ton: Jörg Wilkendorf, Gabriel Anschütz
Dramaturgie: Sabine Zielke, Christoph Klimke 
Choreografie: Ismael Ivo, Johann Kresnik

Spieldauer: 1 Stunde 40 Minuten


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wie grausam ist die welt
  · 23.06.15
kritikerkritiken lese ich um zumindest zu erfahren, was passieren wird auf der bühne. somit wusste ich von den ''ekel''szenen (ein ''baby'' wird geschlachtet, ein bischof ''scheißt'', genitalien werden verstümmelt, was für mich aber hier vor allem symbolisch wirken sollte) und der gern blasierten antipathie dem regisseur und stück gegenüber.
die volksbühne war aber ausverkauft, das ''volk'' also trotzdem interessiert und nicht genug abgeschreckt von dem, was schon eifrig berichtet wurde.
nach intensiven 90 minuten applaus, der sich aus viel aufmerksamkeit speiste. für das vitale ensemble, das hier mehr leisten muss als üblich und das man achten wird.
radikal-regisseur johann kresnik (75) zielt mit wucht in die totale breitseite gegen menschenverachtende konzerne, die bigotterie der kirche, die verlogenheit der politik.
die bühne ist als riesiger knallbunter konsumtempel angelegt, von gottfried helnwein reinmontiert. das ist der schauplatz der botschaftsstarken schlacht um den konsumfaschismus, den kresnik hier zur wurzel des übels erklärt. warum, wird er aufzeigen in bildgewalt.
auf der einen seite die verrohten vertreter der macht, auf der anderen die opfer (die man hier symbolisch zuordnen kann). es wird so grausam, wie macht grausam ist.
der dunkelhäutige choreograph ismail ivo, mit 60 jahren noch körperlich ein kraftwesen, lässt die tänzer aus den körpern heraus schmerzen, auch nackt, nie voyeuristisch und somit berührend.
die inszenierung langweilt keine sekunde. die wucht landet nicht in der magengrube sondern in der herzgegend. ich hatte das gefühl, kresnik legt mir ein blutendes zuckendes herz in die hände und prüft, ob ich das aushalte. wenn man doch pathetisch werden will, und das will ich hier unbedingt bei diesem abend: es ist das herz der welt.
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Gangnam Style-Breakdance und plakative Kritik am Konsumfaschismus
  · 30.05.15
Das Ensemble strömt von den Seiten auf die Bühne und legt mit einer Gangnam Style-Nummer los, also jenem Chart-Hits aus Südkorea, der vor einigen Jahren die Oberflächlichkeit des gleichnamigen Schicki-Micki-Stadtteils von Seoul aufs Korn nahm. Zwei Tänzer liefern dazu eine beeindruckende Breakdance-Performance ab.
Von da an ging es allerdings bergab: ein Quintett aus Militär, Kirche, Banken, Politik und Justiz hat die Gesellschaft fest im Griff und lässt sich immer neue Demütigungen für die Jugend einfallen, die bewusst ungebildet und als sexuell jederzeit verfügbares Frischfleisch gehalten wird. Ihnen gehen sechs nackte, mit schwarzer Farbe beschmierte Männer zur Hand: Stützen des Systems, die Gegenstände apportieren oder die Masse in Schach halten müssen.
Die nächsten knapp neunzig Minuten lässt die Inszenierung kaum eine Gelegenheit aus, sich als anachronistisches Bürgerschrecktheater lächerlich zu machen: vor einigen Jahrzehnten mag dieser penetrante Einsatz von nackten Körpern, Kunstblut und Splatter-Ästhetik voller aufgeschnittener Bäuche und gegrillter Körperteile vielleicht aufrüttelnd gewirkt haben. Hier wirkt dieses Attitüdentheater, wie es André Mumot in seiner Nachtkritik treffend bezeichnete, nur unfreiwillig komisch.
Wer möchte bestreiten, dass in unserem Wirtschaftssystem einiges schief läuft? Aber mit seinem zur Pose erstarrten Haudrauf-Stil schafft es Kresnik wohl kaum, den notwendigen Diskussionsprozess anzustoßen. Zu leicht kann man diesen Abend und die zu plakativ vorgetragene Kritik abtun. Weiterlesen
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