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Bewertung und Kritik zu

DER NAZI & DER FRISEUR
nach dem Roman von Edgar Hilsenrath
Regie: Hajo Förster 
Premiere: 19. April 2018
Vaganten Bühne Berlin

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Zum Inhalt: Max Schulz, gelernter Friseur, macht in den 1930 er Jahren Karriere in der SS. Als Wachmann eines Konzentrationslagers tötet er mit eigener Hand seinen jüdischen Schulfreund Itzig Finkelstein und dessen ganze Familie. In der Nachkriegszeit nimmt er Itzigs Identität an, um sich der Verfolgung zu entziehen, und wandert nach Palästina aus. Max-Itzig, der Massenmörder, bringt es dort zum Untergrundkämpfer für den Staat Israel und zum geachteten Besitzer eines Friseursalons.
Der Nazi, der sich selbst zum Juden macht: Edgar Hilsenraths Romangroteske, die in deutscher Sprache erstmals 1977 in Köln erschien, nimmt eine verstörende Erzählperspektive ein. Hilsenraths Provokation, die Shoah aus der Sicht eines Täters zu erzählen, hat an Wirksamkeit nichts eingebüßt. Die Doppelgestalt des Massenmörders, der in die Haut seines Opfers schlüpft und davonkommt, rührt an Grundfragen von Ethik, Moral und Schuld.

mit Oliver Dupont und Andreas Klopp

Regie: Hajo Förster
Ausstattung: Olga Lunow


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Erschreckend großartig
  · 18.05.18
Der Nazi und der Friseur
Als Max Schulz 1907 im schlesischen Wieshalle das Licht der Welt erblickte, da trennten ihn nur wenige Minuten und doch eine ganze Welt von Itzig Finkelstein. Max ist das einzige Kind, das uneheliche Kind einer etwas liderlichen jungen Mutter, die sich nicht vollkommen sicher ist, wer ihrer Verehrer denn nun der Vater ist. Unangenehmerweise fällt diese Aufgabe dann an den cholerischen Säufer Anton Slavitzki, der mehr schlecht als recht einen Friseurladen führt. Itzig Finkelstein dagegen ist der geliebte Sohn der jüdischen Nachbarsfamilie, stolz inseriert sein Vater die Nachricht von seiner Geburt. Chaim Finkelstein ist der Besitzer des florierenden Friseursalons „Der Mann von Welt“, sehr zu Slavitzkis‘ Verdruss, direkt gegenüber. Zwischen Max und Itzig entsteht trotz aller Unterschiede eine tiefe Freundschaft. Max ist nicht nur häufig zu Gast im Haus der Finkelsteins, er geht auch mit in die Synagoge, lernt jiddisch sprechen und schreiben.
Die mit den Würgehänden, die noch niemals würgen durften
1933 sind Max und Itzig bei Chaim Finkelstein in die Lehre gegangen und Friseure geworden. Adolf Hitler kommt im selben Jahr ins winzige Wieshalle und predigt auf dem Ölberg zu den gierig Lauschenden. Von da an verändert sich das Leben der beiden jungen Männer grundlegend. Max geht zunächst zur SA und schließlich zur SS. In Polen ist er an Säuberungsaktionen beteiligt, schließlich wird er in das Konzentrationslager Laubwalde beordert, in dem er später auch seine ehemaligen guten Freunde, die Finkelsteins, eigenhändig tötet.
Auf der Exitus ins Heilige Land
Auf abenteuerlichen Wegen kommt es bei Zusammenbruch des 3. Reiches dazu, dass Max Schulz der einzige überlebende SS-Mann des KZs ist. Sein Aussehen und die  Tatsache, dass er jiddisch spricht, führen dazu, dass er für einen jüdischen Überlebenden gehalten wird und natürlich widerspricht er der Annahme nicht. Er lässt sich fröhlich auf der Welle des Philosemitismus treiben und landet schließlich gar auf einem Auswandererschiff gen Palästina. Der Massenmörder Max Schulz wird zum Juden. Er heiratet, er eröffnet einen Friseursalon. Stolz inseriert er schließlich auch die Geburt seines Sohnes…
Auf der Vaganten Bühne spielen in einem furiosen, schweißtreibenden Kraftakt Oliver Dupont und Andreas Klopp alle Rollen des Abends, nur ausgestattet mit vielen, vielen Kämmen. Die Kämme machen ordentlich, machen glatt, zeigen Veränderung an, machen zum Nazi, mit Butterbrotpapier werden sie zum Nachrichtensprecher, sie können auch Musik. In ihrer Vielseitigkeit werden die Kämme eigentlich nur von den beiden Schauspielern übertroffen. Eine verstörendes, Angst machendes Stück, das doch wie eine Schelmengeschichte daher kommt, mit einem lapidaren Max Schulz, der sein Leben und seine Gräueltaten schildert wie einen Einkauf auf dem Großmarkt. Die Groteske von Edgar Hilsenrath, 1971 erschienen, zunächst im Ausland erfolgreich, erst 1977 dann auch in Deutschland, besticht und erschrickt durch ihren kühl-lakonischen Ton gleichermaßen.
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Eine listige Groteske
  · 20.04.18
Auf den ersten Blick wirkt es fast etwas frivol, eine solche Story  in einem Augenblick zu präsentieren, da sich vielfach die argwöhnische Mutmassung regt, der Antisemitismus könnte ausgerechnet in Deutschland erneuten Zulauf haben. Mag dieses zeitliche Zusammentreffen nun Zufall sein oder nicht - auf jeden Fall ist dieses Stück hochaktuell. 

Die erste Überraschung legt sich, wenn man erfährt, dass der Autor der Romanvorlage zur Neuinszenierung von „Der Nazi und der Friseur“ bei den Berliner Vaganten, Edgar Hilsenrath, selbst jüdische Wurzeln hat, der Todesmaschinerie des Dritten Reichs entkommen ist und dann über Palästina und die USA nach Berlin gelangte, wo er heute lebt. Judith Kriebel und Gerhard Seidel haben aus dem 1977 in deutscher Sprache erschienenen Roman eine Bühnenversion erstellt, die nun in der Regie  von Hajo Förster und mit der Ausstattung von Olga Lunow auf die Bühne des kleinen Theaters an der Berliner Kantstraße kommt. 

Einmal mehr ist das Bühnenbild auf das Nötigste beschränkt, um den knappen Aktionsraum nicht mehr als nötig einzuschränken. Ein paar gelbgetönte Holzrahmen in wechselnder Position sowie zwei flache Truhen genügen, um zusammen mit einer ganzen Farbpalette von  Kämmen als Requisiten die verschiedensten Spielorte und Situationen assoziativ vor Augen zu führen. Die intelligente Lichtregie unterstützt die Gliederung der Handlung. 

Zwei Akteure teilen sich sehr effizient und überzeugend die szenische Hauptaufgabe, eine fiktive Geschichte in greifbare Nähe zu rücken, in der die Absurdität mancher Lebensläufe jener Jahre auf die Spitze getrieben wird. In einem schlesischen Städtchen, wo Christen, Juden und Andersgläubige friedlich zusammenleben, treffen Max Schulz und Itzig Finkelstein aufeinander, erst als Schulfreunde, später als Friseurlehrlinge. Dann kommen die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, und die feurige Rhetorik des Führers Adolf Hitler entfacht den stets glimmenden Antisemitismus zur hellen Flamme. Max Schulz tritt in die SS ein und tötet als Wachmann eines Konzentrationslagers seinen Schulfreund Finkelstein und dessen ganze Familie. Als er einen Weg sucht, dem Strudel des Untergangs bei Kriegsende zu entgehen, kommt er auf den Gedanken, Finkelsteins Identität anzunehmen und als nunmehr Jude nach Palästina auszuwandern. Dort sammelt er Punkte als radikaler Kämpfer für den Staat Israel und geachteter Besitzer eines Friseursalons. Während der Schiffspassage nach Palästina hatte er einen jüdischen Amtsgerichtsrat Richter kennengelernt, dem er später bekennt, der gesuchte Massenmörder Max Schulz zu sein. Das Urteil des Juristen, voll bitterem Sarkasmus: angesichts der Ungeheuerlichkeit der Mordtaten, die alle Maßstäbe einer Sühne sprengen, kommt am Ende nur Freispruch in Frage. 

Oliver Dupont und Andreas Klopp stellen in springlebendiger Wandlungsfähigkeit die erforderlichen Charaktere auf die Bühne: Max Schulz und Itzig Finkelstein, den Amtsgerichtsrat und zahlreiche Randfiguren, teils im  Schweiße ihres Angesichts und mit ständiger Umbauverpflichtung. Das Ganze ergibt einen sehr eindrucksvollen Abend mit schauspielerischen Leistungen besonderer Finesse. Erneut wird dabei einem unauslöschlichen Abschnitt der deutschen Geschichte der Spiegel vorgehalten. Wer sich nicht zu erinnern wünscht, dem wird diese Aufführung eher weniger Vergnügen  bereiten. Wer aber die Konfrontation mit der Historie nicht scheut, kann Bekanntschaft schließen mit einer dialogorientierten, listigen Groteske über eine Zeit, in der die absurdesten und ethisch zweifelhaftesten Verwandlungen zum Alltag gehörten. Viel Beifall für einen fesselnden, sehr anregenden Theaterabend. 

http://roedigeronline.de
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Aufgeblättert
  · 20.04.18
''Der Stoff ist freilich harter Tobak. Und Dupont & Klopp gehen mit ihm in komödiantisch-distanzierter Weise um. Der Fokus der Geschichte ist auf die Verselbständigung jenes judenmordenden SS-Schergen gerichtet, der erfolgreich (und durch seine nachkriegliche Quasi-Nichtenttarnung) eine Existenz als aufbauender Jude (und Friseur) in dem nunmehr vor 70 Jahren gegründeten Staate Israel bestreitet. Die zwei Schauspieler splitten "das Alles" wechselseitig auf, indem sie beide jeweils Parts und Positionen beider Hauptgestalten des Romanes zu uns 'rübertransportieren; oft sogar synchron als Duo-Sprecheinlage. 

Aufklärend und anrührend waren und sind da insbesondere die vielen "innerjüdischen" Besonderheiten, die dem zuschauenden Zuhörer die herrliche Kultur und Tradition "normaljüdischen Lebens" oder/und der jüdischen sowie der israelischen Historie allgemein verdeutlichen und nahe bringen. 

Hajo Förster war der Regisseur, und Olga Lunow baute ein paar funktionale Bühnenelemente und verteilte auch viel Kämme.'' schreibt Andre Sokolowski am 20. April 2018 auf KULTURA-EXTRA
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4.1
Durchschnittsnote aller Stücke
5 7
4 14
3 4
2 0
1 0
Kritiken: 25
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